Randale in Schweden Aufstand der Hoffnungslosen

Ein Wohlfahrtsstaat wird von Krawallen erschüttert: In Schweden randalieren Einwanderer, zünden Autos an und prügeln sich mit der Polizei. Sie halten der Öffentlichkeit eines der größten Probleme des Vorzeigelandes vor Augen: Die Integration von Immigranten funktioniert viel zu schlecht.

Von Thomas Kirchner

Wie alle nordischen Länder erntet Schweden gerade mächtig Lob: für den Wohlfahrtsstaat, der niemanden links liegen lasse und allen die gleiche Chance biete, für die trotz hoher Steuern florierende Volkswirtschaft.

Aber immer, wenn schwedische Politiker sich zu internationalen Konferenzen aufmachen, um dort ihr Modell zu preisen, sehen sie auf halbem Weg zum Flughafen links die Wohnkasernen des Stockholmer Problemviertels Husby liegen. Und bekommen vielleicht ein schlechtes Gewissen.

Denn die schweren Krawalle, die in Husby begannen und sich in den vergangenen vier Tagen auf die Peripherie der schwedischen Hauptstadt ausgedehnt haben, erinnern an ein gravierendes Problem, das die Politik nicht in den Griff bekommt: Die Integration der Einwanderer - der außereuropäischen vor allem - in die Gesellschaft funktioniert nicht, sie leben in einer separaten Welt, in Ghettos, ohne Job, ohne Hoffnung. Dagegen rebellieren die Jungen, nicht zum ersten Mal.

"Ungerechtfertigte Gewalt"

Die Ausschreitungen begannen am Pfingstsonntag. Auslöser war offenbar der Tod eines 69 Jahre alten Mannes aus Husby sechs Tage zuvor, der mit einer Machete bewaffnet war und von der Polizei aus Notwehr erschossen wurde. Die Polizei sei danach mit "ungerechtfertigter Gewalt" gegen protestierende Jugendliche vorgegangen, erklärte die Organisation Megafonen, die sich um sozial Benachteiligte in den Vorstädten kümmert. Die Polizisten hätten rassistische Schimpfwörter wie "Neger" von sich gegeben und Passanten bedroht, die vermitteln wollten. Diese Vorwürfe sollen nun geklärt werden.

In den folgenden Nächten weiteten sich die Unruhen aus, mehrere Hundert zum Teil vermummte Menschen zogen randalierend durch die Straßen, zündeten Autos und Mülltonnen an und bewarfen Polizisten mit Steinen. Eine Schule und eine Polizeiwache gingen in Flammen auf. Inzwischen ist die Gewalt nicht nur auf andere ethnisch bunte Stadtteile und Vororte wie Jakobsberg im Nordwesten sowie Vårberg, Skärholmen und Norsborg übergesprungen. Auch in Malmö brannten in der Nacht zu Donnerstag drei Autos. Verschärft wird die Lage durch "Skandaltouristen": Jugendbanden, die ihren Spaß an den Ausschreitungen haben und sie zusätzlich anheizen.