Prozess in Moskau Pussy-Riot-Mitglied Samuzewitsch kommt frei

Überraschendes Urteil in Moskau: Die Pussy-Riot-Sängerin Jekaterina Samuzewitsch, links im Bild, wird freigelassen, da sie bei ihrem umstrittenen Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale von Sicherheitskräften aus der Kirche geworfen worden sei, bevor die Aktion begann. Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa müssen jedoch für zwei Jahre in ein Straflager.

Ein russisches Berufungsgericht hat eine der drei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot aus der Haftstrafe entlassen. Die zwei anderen Frauen müssten aber für zwei Jahre ins Gefängnis, teilte das Gericht mit. Sie hatten im Februar in einer Kirche in Moskau mit einem "Punk-Gebet" gegen den jetzigen Präsidenten und damaligen Regierungschef Wladimir Putin protestiert.

Jekaterina Samuzewitsch kommt auf freien Fuß. Ihre Haftstrafe wurde in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Das Urteil gegen Samuzewitsch sei aufgehoben worden, weil sie von Wachleuten aus der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau geworfen worden sei, bevor sie an der Protestaktion habe teilnehmen können, begründete das Gericht sein Urteil.

Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina müssen jedoch zwei Jahre Haft im Straflager verbüßen. Die Musikerinnen hatten auf Freispruch plädiert, die Staatsanwaltschaft auf zwei Jahre Lagerhaft.

Ein Gericht hatte Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina Mitte August wegen Rowdytums aus religiösem Hass zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. Vor allem im Ausland wurde das Urteil als überzogen kritisiert. Die Frauen sind von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als politische Gefangene anerkannt.

Die seit März inhaftierten Musikerinnen betonten vor Gericht, mit ihrer Protestaktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale vom Februar hätten sie die Gläubigen nicht beleidigen wollen. Gegenstand ihres Protests sei eine "Verschmelzung von kirchlichen und politischen Persönlichkeiten" gewesen, sagte das Bandmitglied Maria Aljochina. Auch Nadeschda Tolokonnikowa bestritt eine antireligiöse Motivation. Zudem kritisierte sie, dass Staatspräsident Wladimir Putin die Verurteilung zu je zwei Jahren Lagerhaft durch ein Bezirksgericht als richtig bezeichnet hatte. Die Vorsitzende Richterin entzog Tolokonnikowa daraufhin das Wort.

Verteidiger Mark Fejgin appellierte an das Gericht, Putins Druck nicht nachzugeben und die Haftstrafen aufzuheben. Im russischen Fernsehen hatte Putin das Urteil am Sonntag begrüßt. "Es ist richtig, dass sie verhaftet wurden, und es ist richtig, dass das Gericht diesen Beschluss gefasst hat", so der Präsident. Man dürfe nicht moralische Werte untergraben und "das Land auf diese Weise zerstören".

Vor dem Gericht demonstrieren Putin-Gegner

Zu Beginn der heutigen Verhandlung hat die Verteidigung der inhaftierten Frauen ein unabhängiges Gutachten gefordert. Der Auftritt der Band im Februar müsse von einem unabhängigen Sprachforscher untersucht werden, sagte Anwältin Violetta Wolkowa nach Angaben der Agentur Interfax.

Ein unabhängiges Gutachten werde zeigen, dass es in dem "Punk-Gebet" nicht um religiösen Hass gehe, sagte Wolkowa. Zudem habe das Gericht in erster Instanz ignoriert, dass es sich um einen politischen und nicht um einen religiösen Protest gehandelt habe, sagte sie. Die Richter lehnten den Antrag der Verteidigung jedoch ab. Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Anhänger und Gegner der Frauen. Auf einem großen Transparent forderten Putin-Gegner den Rücktritt des Präsidenten. Mindestens zwei Menschen wurden festgenommen, hieß es.

Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew hatte Mitte September mit einer Forderung nach Milde die Hoffnung genährt, dass die drei Künstlerinnen auf Bewährung frei kommen könnten. Die drei Frauen weiter in Gefangenschaft zu halten sei "unproduktiv", sagte Medwedjew. Auch die russisch-orthodoxe Kirche hat sich für eine Begnadigung der Musikerinnen eingesetzt. Voraussetzung sei, dass die Frauen Reue für ihr Punk-Gebet gegen Präsident Wladimir Putin in der Kathedrale zeigten, teilte die Kirche mit.