Proteste in Ägypten Muslimbrüder steuern stur aufs Ziel zu

Der Widerstand gegen Ägyptens Präsident Mursi bröckelt. Bisher zehrte die Opposition von spontaner Empörung. Doch alle Erfahrung zeigt: Gegen die Muslimbrüder ist das zu wenig.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Die Muslimbrüder bieten Ägyptens neue Verfassung bereits als Hör-Datei im Internet an für Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Die Opposition aber hat nicht einmal klar entschieden, ob sie geschlossen zum Boykott des Verfassungsreferendums aufrufen soll oder doch dazu, mit Nein zu stimmen. Fünf Tage vor einer so schicksalhaften Abstimmung ist das ein ziemlicher Luxus.

Denn manches deutete darauf hin, dass Präsident Mohammed Mursi und seine Muslimbrüder ihr Ziel erreichen und die Verfassung - Einfallstor für islamistische Laienexegeten - angenommen werden könnte. Zumindest halten die Islamisten stur auf ihr Ziel zu: Die Sicherheit während der Abstimmung soll die Armee gewährleisten, die Mursi offenbar für zuverlässiger hält als die Polizei.

Die Richter, die jüngst noch gegen die Islamisierung gifteten, sind durch Mursis Verfassungstricksereien entweder beschwichtigt oder überrumpelt. Sie werden das Referendum überwachen, haben sie verlauten lassen - wenn nur die Islamisten die Belagerung des Verfassungsgerichts beenden.

Der machtvolle Widerstand gegen Mursi und seine Getreuen bröckelt. Die Gegner der Islamisten müssten nun die Vision einer geeinten, konstruktiven Opposition entwickeln. In den vergangenen drei Wochen zehrten sie von spontaner Empörung. Gegen die Muslimbrüder, das zeigt alle Erfahrung, ist das zu wenig.