Presseschau zum Einreiseverbot für Günter Grass "Nebbich! Was soll das Ganze?"

Kritik an Günter Grass, Kritik an der israelischen Regierung für ihren Einreisebann: Nahezu einmütig halten die Kommentatoren deutscher Medien die Reaktion Jerusalems auf das Grass-Gedicht für überzogen. Doch auch der Literaturnobelpreisträger bekommt erneut sein Fett weg.

Berliner Zeitung: "Grass indes darf sich in guter Gesellschaft mit anderen Geistesgrößen wähnen. Dem jüdisch-amerikanischen Linguistikprofessor Noam Chomsky, einem beißenden Kritiker der israelischen Besatzung in den Palästinensergebieten, wurde die Missbilligung seiner Person im Mai 2010 sogar in den Pass gestempelt: 'Einreise verweigert'".

General-Anzeiger (Bonn): "Es hätte auch verwundert, wenn sich auf den Topf Günter Grass nicht der passende Deckel gefunden hätte. Es war dem israelischen Innenminister Eli Jischau vorbehalten, Grass nach dessen unsäglichen Einlassungen zum Thema Israel und Iran zur unerwünschten Person zu erklären. Welche Übertreibung, welche Hysterie, welcher Populismus! Die Wortmeldung des alten Mannes und die unziemliche Reaktion darauf sind mit einem einzigen Wort hinreichend beschrieben: Nebbich! Also: Was soll das Ganze?"

Frankfurter Rundschau: "Grass hat die Israelis wegen seiner verzerrten Sichtweise auf den Iran-Konflikt aufgebracht. Aber beunruhigt ist die Regierung in Jerusalem, weil in Umfragen die meisten Deutschen ihm insgeheim recht geben. So etwas bestärkt die Israelis in ihrem unguten Gefühl, nur auf sich selbst und sonst niemand vertrauen zu können - weder auf die US-amerikanischen Alliierten noch auf die Freunde in Deutschland."

Volksstimme (Magdeburg): "In breiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit gilt noch immer die Formel: Kritik an israelischer Politik ist automatisch Antisemitismus. Eine Schwarz-Weiß-Sicht, gegen die sich auch israelische Experten wie der frühere Deutschland-Botschafter Avi Primor, wenden. Die deutsch-israelischen Beziehungen sind eng, nicht nur durch regelmäßige politische Treffen, sondern auch durch viele Freundschaften zwischen Deutschen und Israelis. Dieser Reife entspräche, dass eine zugespitztes Dichtung nicht gleich zu einer Staatsaffäre führt."

Nürnberger Zeitung: "Natürlich darf man Israel kritisieren: den Siedlungsbau auf Palästinensergebiet, die rigorosen Grenzkontrollen, das Verhältnis zu Gaza und eine Grenzmauer, über die sich nur der Kopf schütteln lässt. Andererseits ist Israel der einzige Staat im Nahen Osten mit einer funktionierenden Demokratie - die vor Fehlern nicht gefeit ist. Das Einreiseverbot für Grass ist ein solcher Fehler; denn es wertet ihn zum ernst zu nehmenden Gegner auf und macht ihn gleichzeitig zum Opfer für ein fragwürdiges Häuflein von Unterstützern."

Badische Zeitung (Freiburg): "Israel will überleben, das ja. Und Israels Politik ist nicht frei von Fehlern, fürwahr nicht. Aber Israel will keineswegs den Iran vernichten. Umgekehrt droht das Regime in Teheran seit Jahren genau damit - und unterstützt nebenbei die Terroristen von Hamas und Hisbollah im Kampf gegen das jüdische Volk. Dass Grass dies alles ausgeblendet hat, erklärte Israels harsche Reaktion von Beginn an. Dass Innenminister Eli Jischai den Schriftsteller nun allerdings auch noch zur unerwünschten Person erklärte, ist eine populistische Geste, mehr nicht. Sie zielte in der Hauptsache auf die israelische Innenpolitik. Zugleich schadet sie Israel im Ausland. So übertrieben wirkt das Einreiseverbot, dass es dessen Adressaten fast schon wieder adelt."