Politischer Islam: Moschee in München Die Ahnungslosigkeit der Geheimdienste

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielte die Münchner Moschee nach 1973 für die Bruderschaft?

Johnson: Mahdy Akef, der bis 2010 die Bruderschaft angeführt hatte, war von 1984 bis 1987 Oberimam in Freimann. Die Moschee war sowohl ein sicheres Rückzugsgebiet als auch eine Drehscheibe, von der aus sie ungestört planen und andere Länder infiltrieren konnten. Das Führungsgremium war ein Who's who des politischen Islams. Viele dieser Leute hatten keinerlei Bezug zu München, sie stammten etwa aus Ägypten, Syrien und Pakistan. Die Muslimbrüder waren so dominant, dass sie die türkischen Migranten aus der Organisationsebene heraushalten konnten, obwohl diese in der Mehrheit waren. Das ist auch etwas Besonderes: Der politische Islam kam nicht mit den Gastarbeitern nach Deutschland, wie man annehmen würde.

sueddeutsche.de: Die Geheimdienste hatten keine Ahnung, was dort geschah?

Johnson: Die Prioritäten hatte sich geändert: Der CIA-Agent Robert Dreher, ein weiterer Protagonist des Buches, ging von München aus nach Vietnam, was symptomatisch die Veränderung des amerikanischen Interesses zeigt. Die Deutschen waren in den siebziger Jahren mit dem Kampf gegen die Rote-Armee-Fraktion und den Linksterrorismus beschäftigt. Die Verantwortlichen in der Moschee waren sehr unauffällig.

sueddeutsche.de: Gab es Verbindungen zu Terrorzellen?

Johnson: Es gab zwei Ereignisse, die für Aufsehen sorgten: Mahmoud Aboulina, einer der Drahtzieher des Bombenanschlags auf das World Trade Center 1993, hatte zuvor die Münchner Moschee besucht und dort um Rat gebeten. Ein Al-Qaida-Finanzier wurde 1998 in Freimann verhaftet, nachdem das FBI das BKA um Hilfe gebeten hatte. Die Recherchen ergaben, dass der Mann Kontakte zur Hamburger Al-Quds-Moschee hatte, wo Mohammed Atta verkehrte. Ich sage nicht, dass es eine direkte Verbindung gab, aber es sind zu viele Zufälle, um von einer normalen Moschee zu sprechen.

sueddeutsche.de: Ihr Buch erschien im vergangenen Jahr in den USA. Was hat die Leser dort an dem Fall fasziniert?

Johnson: Sie interessierten sich vor allem für die Parallelen zwischen damals und heute. Die meisten Amerikaner denken, dass der radikale Islam geboren wurde, als Washington im Afghanistankrieg der achtziger Jahre die Mudschahedin mit Geld und Waffen versorgte, um die Sowjets zu besiegen. Dabei begann alles mindestens 25 Jahre vorher in Bayern.

sueddeutsche.de: Gerade die Figur des Said Ramadan zeigt, dass sich viele Menschen nicht so benutzen lassen, wie es Geheimagenten manchmal planen.

Johnson: Ja, Ramadan konnte sich gut in beiden Welten bewegen. Im Gegensatz zu den Amerikanern hatten die Muslimbrüder eine langfristige Strategie, die sie konzentriert verfolgten. Sie sind exzellente Organisatoren und heute in jedem europäischen Land vertreten, sie haben Jugendverbände und paneuropäische Institutionen. Gerade in Deutschland und Frankreich ist die Bruderschaft einflussreich - das ist nicht ohne Risiko in einer Zeit, in der Politiker immer wieder den Dialog suchen.

sueddeutsche.de: Kennen die Muslime, die heute in Freimann beten, die Historie der Moschee?

Johnson: Nur wenige. Ein einflussreicher Konvertit hat mir erzählt, dass kaum einer der Gläubigen den Namen Said Ramadan jemals gehört hat - und das schien ihn nicht zu stören.

sueddeutsche.de: Welche Bedeutung hat die Moschee heute? Es gab ja Razzien wegen des Vorwurfs der Finanzierung von Terroristen.

Johnson: Aus meiner Sicht hat die Münchner Mosche nach dem 11. September an Einfluss verloren. Es gab zu viel Aufmerksamkeit, zu viele Durchsuchungen und man sperrte die Konten der einflussreichsten Leute. Heute ist die Moschee nur noch als regionales Zentrum des Islams wichtig, aber ihre Geschichte bleibt einzigartig.

Das Buch Die Vierte Moschee von Ian Johnson ist im Klett-Cotta Verlag erschienen. In wenigen Tagen veröffentlicht der Beck-Verlag ein weiteres Buch zum Thema: In Eine Moschee in Deutschland beleuchtet Stefan Meining stärker die Verwicklungen der deutschen Politik. Beide Autoren kennen sich und haben während der Recherche kooperiert.