Politische Theorie Die Erregbaren

Politik ist rational, heißt es. Doch nun wendet sich die Wissenschaft endlich der Dramatik in der Politik zu. Denn Emotionen und Wutausbrüche spielen dort eine viel größere Rolle als bisher erforscht.

Von Werner Weidenfeld

Man reibt sich zunächst die Augen, wenn man das Buch in die Hand nimmt. Solch eine Thematik hat man in einer Veröffentlichung des politikwissenschaftlichen Berufsverbandes nicht erwartet: Es geht um Emotionen in der Politik. Natürlich können wir geradezu täglich medial vermittelt die Eruption von Gefühlen beobachten. Wutbürger erhalten hohe Aufmerksamkeit. Da bricht sich Empörung ihre Bahn; da werden Ängste geschürt; Tränen der Freude beherrschen das Bild; dann wiederum sind es in Katastrophenfällen Gesten des Mitgefühls, Ausdrucksformen der Anteilnahme. Die Welt der Gefühle erscheint in ihrer Vielfalt geradezu unbegrenzt. Aber hier - in den Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft - erwartet man diese Thematik nicht. Da geht es doch um Systemrationalitäten. Oder hat man über die Jahre in der politikwissenschaftlichen Literatur als Leser etwas übersehen?

Sicherheitshalber greift man in die Bücherregale der vielen Lehrbücher der Politikwissenschaft. Nein - man hat nichts Wesentliches übersehen. Und nun hält man einen umfangreichen, ja durchaus vom Autorenprofil her auch repräsentativen Band zu "Emotionen und Politik" in Händen. Da wird doch offenkundig Neuland in dieser Disziplin betreten. So sieht es auch der Herausgeber des Bandes, Karl-Rudolf Korte, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und zum Zeitpunkt des Entstehens des Buches auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft. In seiner Einführung bestätigt er die überraschte Gefühlslage des Lesers: "Die Politikwissenschaft aber fremdelt nach wie vor in Analyse, Zugang, Theoretisierung und Intention von Emotionen." Und dann führt er sein Urteil noch härter weiter: "Die politische Theorie hat auf diesen hochkomplexen Sachverhalt - wenig überraschend - keine Antworten entwickelt, die eindeutig wären." Und da will dieses Buch Abhilfe schaffen - welch ein ambitionierter, ja kühner Schritt, den die Autoren vorhaben.

Bisher fehlt eine klare Einordnung der Emotionen in der politischen Theorie

Aber dann werden die Erwartungen des Lesers gleich wieder gedämpft. Denn der Sammelband beginnt mit der Analyse politischer Einstellungen und des Wahlverhaltens. Die emotionalen Einstellungsprofile der Bürger spielen in der Wahl- und Parteienforschung natürlich schon seit längerer Zeit eine Rolle. Das aber kann doch nicht der große forschungsorientierte Aufbruch sein. Die Wutbürger und ihre Sehnsüchte sind bekannt. Glücklicherweise aber wendet sich das Buch dann doch der bewegenden Kernfrage nach der Bedeutung emotionaler Intelligenz für das Politikmanagement zu. Korte hält fest: "Gefühle können Orientierung bieten, die wiederum Führungsentscheidungen beeinflussen. Die emotionale Mobilisierung von Identitäten ist nicht nur für das Wahlkampf-Management eine entscheidende Größe. Emotionen spielen auch im individuellen Führungsverhalten eine zentrale Rolle."

Die Kraft des Visuellen: Ein Bild, das je nach Standpunkt des Betrachters Emotionen auslöst.

(Foto: Jörg Buschmann)

Und nun will der Leser die Details der Tiefendimension emotionaler Phänomene im politischen Entscheidungsprozess erfahren. Der Politikberater weiß, dass Emotionen in jeder Minute des Entscheidungsprozesses eine wichtige Rolle spielen. Sympathien und Antipathien, emotionale Vor-Erlebnisse mit den Co-Entscheidern, Erinnerungen an alte Gefühlskonflikte, Erfassung von potenzieller Freude und potenzieller Rachsucht: Die Entscheidungsträger transformieren diese Elemente der Emotionalität in Faktoren der Rationalität. Daher ist dieser Faktor in jeder Minute Bestandteil des politischen Kalküls. Dieser Kernvorgang emotionaler Rationalität des Politischen will man nun als Leser ungeduldig erfassen. Zu lange hatte man in der Politikwissenschaft auf solche Erkenntnisse warten müssen.

Aber dem Leser wird nun ebenso ein gerüttelt Maß an Geduld abverlangt. Das Buch geht in die Breite. Es liefert allgemeine, interdisziplinäre Begründungen aus der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, dem Poststrukturalismus. Dann nähert man sich der Politikwissenschaft endlich an: Es gilt, die Populisten zu verstehen, die Profile der politischen Bildung zu erfassen und die Kraft des Visuellen aufzunehmen. Fallstudien dürfen in einem solchen Band nicht fehlen: Leidenschaften im Europawahlkampf, Gier am Finanzmarkt und Subsidiarität als Kampfbegriff.

Die erhellende Substanz zweier Beiträge zu dem Band rechtfertigt jedoch bereits die Lektüre: Friedbert W. Rüb, Professor für Politische Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, untersucht die Frage "Wie emotionslos kann und soll politisches Entscheiden sein?" und Reinhard Wolf, Professor für Internationale Beziehungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, erklärt die Rolle der Emotionen in der internationalen Politik am Beispiel der Ressentiments.

Rüb öffnet dem Leser die Augen. Er macht ein " starkes Argument für eine Re-Emotionalisierung der Politikwissenschaft", weil aus seiner Sicht, Emotionen eine "weit relevantere Dimension der Politik" einnehmen, als von der Wissenschaft bisher erforscht. Sie gehören für ihn zum "ABC des Handelns". Rüb liefert auch eine operativ umsetzbare Definition von Emotionen: "Emotionen sind komplexe Muster von neurophysiologischen und psychologischen Prozessen, die Veränderungen im Menschen auslösen und physiologische Erregungen, Gefühle, kognitive Prozesse und Verhaltensweisen berühren."

Genauso kann der kundige Politikbeobachter in jeder Minute des Entscheidungsprozesses die Relevanz von Emotionen mitverfolgen, wenn er dafür seine Augen offen hat und über ein sensibles Gespür für die dafür relevanten Aspekte verfügt. Und so führt es auch Reinhard Wolf detailreich für die internationalen Beziehungen aus. Er spricht von einem emotional turn. Wolf zeigt, dass es eines langen Atems der Politik bedarf, wenn internationale Ressentiments abgebaut werden sollen.

Wer sich in jüngster Vergangenheit auf der Suche nach aktuellen, markanten Beispielen von emotionaler Bedeutsamkeit in der Politik befand, dem sei eine Beobachtung der Magnetfelder der Macht in der Europäischen Union empfohlen. Die Konflikte im Ringen zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, Wolfgang Schäuble und Jean-Claude Juncker sind nur begreifbar, wenn man die emotionalen Horizonte der vier europäischen Schlüsselfiguren kennt. Hier werden emotionale Konfigurationen in rationale Machtmosaiken überführt, die in den diversen Magnetfeldern geordnet werden.

Das ungläubige Staunen der Öffentlichkeit ist die übliche Konsequenz. Würden die Beobachter die emotionale Substanz kennen, dann wäre der Wahrnehmungshorizont viel angemessener.

Werner Weidenfeld ist Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung der Universität München und Rektor der Alma Mater Europaea der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg).