Pegida Wir sind das Völkchen

Auf den Dresdner Elbwiesen zeigt eine Anhängerin der Pegida-Bewegung, was sie von der Politik erwartet.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Die fremdenfeindliche Bewegung ruft zu einem europaweiten Aktionstag. Doch sie kann weit weniger Anhänger aufbieten als erwartet.

Von Gianna Niewel, Dresden

"Glauben Sie, heute passiert was Schlimmes?", fragt die ältere Dame mit besorgtem Blick den Polizisten. In der Zeitung habe sie gelesen, Dresden drohe dieses Wochenende "der Ausnahmezustand". Der Schäferhund des Beamten bellt, er selbst trägt Schutzausrüstung, hinter ihm fahren seine Kollegen gerade Wasserwerfer auf. "Nee", sagt der Mann, "keine Sorge." Er soll recht behalten.

Am Samstag wollte die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung die "Festung Europa" beschwören. Doch der erste europaweite Aktionstag ähnlich gesinnter Gruppen verläuft nicht wie geplant. Zur zentralen Kundgebung am Dresdner Elbufer versammeln sich laut der Forschungsgruppe "Durchgezählt" nur etwa 8000 Anhänger - 15 000 waren erwartet worden. Gekommen sind überwiegend dunkel gekleidete Männer. Sie schultern Plakate, auf denen "Deutsche Frauen sind kein Willkommensgeschenk" steht oder "Der Islam gehört zu Deutschland wie Scheiße auf den Esstisch". Sie schwenken Deutschlandfahnen und grölen: Volk, Widerstand, Volk. Die Polizei ist mit fast 2000 Beamten im Einsatz, es bleibt weitgehend friedlich. Allerdings attackieren Unbekannte einen 35-Jährigen auf dem Weg zur Kundgebung, er kommt mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus.

Vorne am Mikro steht nicht Pegida-Mitgründer Lutz Bachmann, er ist krank. Deshalb liegt es an Siegfried Däbritz, der zum Organisationsteam von Pegida gehört, die Masse anzustacheln. Die skandiert lautstark mit. Die Politiker? "Volksverräter." Journalisten? "Lügenpresse." Und überhaupt: "Macht die Grenzen dicht." Ein Sprecher, der sich als Heiko vorstellt und angeblich in Schweden lebt, sagt, Merkel sei schlimmer als ihr "Ziehvater Erich"; gemeint ist der ehemalige DDR-Staatschef Erich Honecker. Ernst Cran, ein Trauerredner aus Nürnberg, ätzt gegen die Kirchen, die zu "Komplizen des Hochverrats am eigenen Volk" geworden seien. Zwischen den Redebeiträgen versucht Däbritz , Live-Schaltungen in die anderen Kundgebungs-Städte in Europa herzustellen. Doch die Verbindung mit Prag, Warschau und Bratislava holpert, es gibt technische Probleme. Und so grüßen nur aus einigen Ländern Pegida-Anhänger per Einspielfilm.

Auf der anderen Seite der Elbe wummert die Musik der Gegendemonstranten, es herrscht Partystimmung. Sie haben ein riesiges Plakat aufgehängt: "#JustTrust", sie singen, sie tanzen. Schon seit dem Vormittag haben verschiedene Glaubensgemeinschaften, Parteien und Bündnisse die Dresdner Altstadt eingenommen. Nach Angaben von "Durchgezählt" sind es etwa 3000 Menschen. Die größte Gegendemonstration, angemeldet vom Bündnis "Herz statt Hetze" und dem Deutschen Gewerkschaftsbund, hat den Theaterplatz besetzt - den Platz, auf dem Pegida für gewöhnlich montags "spaziert". Hier, zwischen Hofkirche und Semperoper, tragen die Menschen bunte Anstecker, ein Mann hat einen Baumarktkarton dabei, "Lieber Hornbach statt Bachmann" steht darauf. Die Grünen erinnern daran: "Dor Gaffee kommt och ni von hier", der Kaffee kommt auch nicht von hier.

Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping, die selbst aus Dresden kommt, wirft Pegida vor, rassistischer Gewalt den Boden zu bereiten. "Ich könnt' kotzen", sagt eine junge Frau mit Dreadlocks und Trillerpfeife. Auch sie kommt aus Dresden. Sie wolle ringen um ihre Heimat, die für viele in Deutschland und Europa eben nicht mehr das Elbflorenz ist mit dem barocken Zwinger, Residenzschloss und der hippen Neustadt. Sondern seit mehr als einem Jahr: Pegida-Stadt, Aufmarschzone der Fremdenfeinde. Und dieser Eindruck, sagt die Gegendemonstrantin, dürfe nicht bleiben.

"Es ist ekelhaft, was gerade in Deutschland und Europa passiert", sagt auch ein junger Mann aus Leipzig. Man müsse sich nur einmal anschauen, wie sehr der Kontinent schon mauere. Ein Zaun trenne Griechenland von der Türkei. Ungarn verriegele seine Grenzen mit Nato-Draht. "Und jetzt auch noch Frauke Petrys Schießbefehl" - er schüttelt den Kopf über die Äußerungen der AfD-Vorsitzenden zu einem möglichen Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an den Grenzen. Festung Europa? Es sei eher Zeit, die Zugbrücken herunterzulassen, sagt er.