Papst-Besuch in Großbritannien Der Unfehlbare räumt Fehler ein

Schon vor dem offiziellen Auftakt seiner Großbritannien-Reise gibt Papst Benedikt XVI. Fehler im Missbrauchsskandal zu. Die Messe in Edinburgh nutzt er dann zum Generalangriff auf die moderne Gesellschaft.

Von M. König

Womöglich hatte Benedikt XVI. mitbekommen, welche Schlagzeilen die britischen Medien am Morgen seiner Abreise aus Rom getitelt hatten. Vielleicht hat er deshalb noch im Flugzeug auf dem Weg nach Edinburgh den ersten Punkt gemacht. Noch bevor er britischen Boden betrat.

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In einer 15-minütigen Pressekonferenz an Bord des Alitalia-Fluges AZ 4000 räumte der Papst in deutlichen Worten Fehler im Umgang mit dem Skandal um den Missbrauch an Kindern durch pädophile Priester ein. Der Vatikan sei nicht wachsam genug gewesen, es sei nicht schnell und nicht entschieden genug gehandelt worden, um mit den notwendigen Maßnahmen zu antworten. Das sagte Benedikt XVI. unmittelbar vor seiner Ankunft in Schottland.

"Perversion des Priesteramtes"

Die Enthüllungen seien für ihn ein Schock gewesen und hätten ihn tieftraurig gestimmt: "Denn man kann schwer verstehen, wie diese Perversion des Priesteramtes möglich gewesen ist." Laut britischen Reportern fügte der Papst hinzu, Pädophilie sei eine Krankheit, die den Betroffenen ihren freien Willen raube.

Um 10.16 Uhr landete der Papst in Edinburgh, wo er von Prinz Philip in Empfang genommen wurde. Gleich nach der Ankunft in Edinburgh empfing Königin Elisabeth II. den Besuch aus Rom in ihrer schottischen Residenz Holyrood. Es ist das erste Mal, dass ein Papst zu einem offiziellen Staatsbesuch nach Großbritannien kommt. Nach einer feierlichen Begrüßungszeremonie zogen sich die Queen und der Heilige Vater zu einem privaten Gespräch zurück.

Umstrittenes Interview

Darin könnte es auch um ein Thema gegangen sein, das in seriösen britischen Medien heiß diskutiert worden war: Die Äußerungen des Kurienkardinals Walter Kasper, der England mit einem Land der Dritten Welt verglichen hatte.

In einem Interview mit dem Münchner Magazin Focus hatte Kasper auf die Frage, warum "so viele Briten Unmut über den Papst" äußerten, wörtlich geantwortet: "England ist heute ein säkularisiertes, pluralistisches Land. Wenn Sie am Flughafen Heathrow landen, denken Sie manchmal, Sie wären in einem Land der Dritten Welt gelandet."

Weiterhin behauptete Kasper, in England sei ein "aggressiver Neu-Atheismus verbreitet. Wenn Sie etwa bei British Airways ein Kreuz tragen, werden Sie benachteiligt." Damit bezog er sich offenbar auf einen Gerichtsstreit aus dem Jahre 2006. Damals verbot die Fluggesellschaft einer Mitarbeiterin, ein christliches Kreuz an einer Halskette sichtbar zu tragen. Der Fall ging vor Gericht und war auch in Großbritannien heftig umstritten.

"Sturm der Entrüstung"

Die britischen Medien waren von den Äußerungen des ehemaligen Präsidenten des Rates für die Einheit der Christen not amused. "Der Papst fliegt mitten in den Sturm der Entrüstung über die rassistischen Ausführungen seines Helfers" hieß es in der seriösen Zeitung The Guardian. Mehr als 50 "Personen des öffentlichen Lebens", darunter die Schriftsteller Stephen Fry und Terry Pratchett, hätten sich in einem Brief an die Redaktion dagegen ausgesprochen, dem "Papst Ratzinger" die Ehre zu erweisen und ihn als Staatsgast zu empfangen.

Dafür ist es nun zu spät. Im königlichen Palast erwies ihm zunächst die Queen die Ehre, später traf der Papst auch auf den britischen Vize-Premier Nick Clegg. Eine Zusammenkunft mit Regierungschef David Cameron ist für Samstag geplant.

Seitenhieb auf die Medien

In seiner ersten Rede schlug Benedikt XVI. Töne an, die den Aussagen Kaspers ähnelten: "Das Vereinigte Königreich strebt danach, eine moderne und multikulturelle Gesellschaft zu sein", sagte er. "Traditionelle Werte" müssten jedoch respektiert und vor "aggressiven Formen des Säkularismus" geschützt werden.

Bei seiner Messe am Nachmittag in Glasgow griff er den Lebensstil in den westlichen Demokratien direkt an: Er warnte vor einer "Diktatur des Relativismus" - kein Zweifel, dass er damit insbesondere die liberale Kultur seines Gastgeberlandes meinte.

Religion werde heute vielfach fälschlich als "Bedrohung der Gleichheit und der Freiheit" dargestellt. Doch sie sei nötig: Moderne Gesellschaften seien auf klare Orientierung angewiesen. Schließlich müssten sie den Weg aus einem "Dschungel selbstzerstörerischer und willkürlicher Freiheiten" finden, sagte Benedikt. Dazu zählte er nicht nur Drogen und Alkohol, sondern auch Geld, Sex und Pornografie, die er als "zerstörerisch und zwiespältig" brandmarkte.

Er betonte, die britische Gesellschaft habe einen "christlichen Grund" und rühmte die Verdienste der Briten beim Kampf gegen die Tyrannei der Nationalsozialisten. Ausdrücklich wandte sich Benedikt an die britische Presse und unterstrich deren besondere Verantwortung - womöglich ein Seitenhieb auf die äußerst kritische Berichterstattung.

Die Antwort der Papst-Kritiker ließ indes nicht lange auf sich warten: In der Online-Ausgabe des Guardian sagte Terry Anderson, Präsident der National Secular Society: "Die säkulare Identität Großbritanniens sollte nicht kritisiert, sondern gefeiert werden."

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