Occupy-Bewegung Berlin Bürger, lass das Glotzen sein!

Nackte, Linksradikale, Rentner, Studenten - vor dem Reichstag versammelte sich am Samstag ein Großteil der Berliner Occupy-Demonstranten. Selten protestierten so unterschiedliche Menschen miteinander. Als Wutbürger lassen sie sich nicht bezeichnen, denn ein Thema eint sie: Die Schieflage des globalen Finanzsystems. Immer wieder sieht man die Guy Fawkes-Maske aus dem Film "V wie Vendetta". Nicht nur in Berlin setzen sie die Protestierenden auf. Sie wird vielleicht zum Symbol der Occupy-Bewegung gegen die Finanzmärkte.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Eigentlich trifft man die alten Herrschaften immer vor der Commerzbank-Filiale in der Berliner Friedrichstraße. Zwischen Nobel-Kaufhäusern, Starbucks und Souvenir-Läden protestieren sie dort fast jede Woche gegen die Bank - mehrere Tausend Rentner, so kann man auf ihren Plakaten lesen, haben während der Finanzkrise ihre Ersparnisse verloren. Ihre Ersparnisse, die sie der Dresdner Bank, die später von der Commerzbank übernommen wurde, anvertraut hatten.

Nudisten, Rentner, Studenten, Linksradikale. Selten gab es eine Demo, bei der so unterschiedliche Menschen miteinander marschierten.

(Foto: Getty Images)

Deswegen sind sie natürlich auch heute auf den Alexanderplatz gekommen, um am weltweiten Protesttag nach Vorbild der Bewegung Occupy Wall Street teilzunehmen. "Die Dresdner/Commerzbank geht über Leichen" steht auf den Schildern, die sie sich umgehängt haben. Sie sind nicht die einzigen: Von 10.000 Menschen werden die Veranstalter von "Occupy Berlin" später sprechen, die Polizei geht von etwa 4000 Demonstranten aus.

Gegen Mittag konnte noch keiner damit rechnen: Bei strahlendem Sonnenschein malten da noch Aktivisten letzte Plakate, auf den Gehwegen ergießt sich ein buntes Meer von Regenschirmen: "Rettungsschirme für Menschen" steht auf ihnen und natürlich der Slogan des Tages: "Wir sind die 99%!" "Ich will ein Mensch sein, kein Konsument" pinselt ein Mädchen auf die Straße. Touristen fotografieren interessiert das Geschehen.

Die Guy Fawkes Maske - das Symbol der Occupy-Bewegung?

Doch dann strömen immer mehr Leute auf den Platz: Demonstranten mit Guy-Fawkes-Masken, grauhaarige Anhänger der Linkspartei, die ein Plakat mit dem Konterfei von Karl Marx vor sich her tragen. Attac-Vertreter sind da, Studenten, Punks und Musiker. Aber auch manche Bürger-Dame mit praktischem Calvin-Klein-Minirucksack ist gekommen und Väter, die ihre Kinder auf den Schultern tragen. Nicht immer geht es um die große Weltpolitik, manche fordern auch "Tarifverträge für die Charité".

Dafür, dass es eigentlich der überbordende Frust über die Folgen und Ursachen der Finanzkrise ist, der die Leute auf die Straße getrieben haben, sieht man viele lachende Gesichter. Nein, das ist hier keine Ansammlung der vielgescholtenen Spezies namens "Wutbürger". Man ist neugierig aufeinander, in jeder Ecke entspinnen sich leise Gespräche: Sollen die Banken zerschlagen werden? Krisenstaaten gerettet? Und vor allem: Wie soll es weitergehen?

Wortführer im eigentlichen Sinn gibt es nicht, soll es nicht geben: "Wir sind alle als Einzelpersonen hier - Ich spreche nicht für Euch" schreit einer von der Bühne. Dann übernimmt eine Saskia das Mikro - irgendwie scheinen hier alle nur Vornamen zu haben, wenn überhaupt. "Scheiße, ist das geil", schreit also Saskia, ein bisschen wie eine politische Lena Meyer-Landrut. Sie meint damit die vielen Menschen, noch vor ein paar Wochen, erzählt sie, seien zu einer ähnlichen Aktion keine 30 Leute gekommen.

Lass das Glotzen, Bürger!

Dann geht es weiter in Richtung Kanzleramt, unterwegs werden noch ein paar Touristen aufgesammelt, die das alles natürlich sehr aufregend finden: Eine Demo, so muss Berlin doch sein! "Bürger, lass das glotzen sein, reih' Dich in die Demo ein", schreit eine Gruppe Aktivisten und erntet lautes Gelächter. Immer wieder ertönt der Ruf: "A - anti- anticapitalista!"

Ja, der Protest ist schon eher links, hier in Berlin, auch wenn zwischendrin immer wieder ältere Herrschaften laufen, die eher nach CDU aussehen. Eigentlich soll er aber keine politische Richtung haben, keiner will sich hier von einer Partei, Organisation oder Gewerkschaft vereinnahmen lassen. Zwar sieht man vereinzelt Politiker, Hans-Christian Ströbele zum Beispiel, aber die halten sich im Hintergrund. Alles andere würde auch nicht gut ankommen, das bekommt ein Typ zu spüren, der vor dem Kanzleramt am Mikro für eine Online-Petition wirbt und auch eine junge Künstlerin, die auf ihren YouTube-Channel verweist. "Bitte hier keine Aktionen, Bündnisse oder Internetseiten bewerben", unterbricht Organisatorin Melanie Seeland, "wir sind hier alle Einzelpersonen."

Alle dürfen mal

Und so darf jeder gleichberechtigt ans Mikro: die Alt-Kommunistin, die ihr Plädoyer mit den Worten "Bei Marx steht geschrieben..." beginnt ebenso wie der Mann mit der Mundharmonika, der vom Weltfrieden und palästinensischen Kindern erzählt. Lachend probieren die Demonstranten das menschliche Mikrophon nach New Yorker Vorbild aus: Alles, was am Mikro gesagt wird, wir tausendfach weitergebrüllt, bis es auch auf der Wiese vor dem Reichstag verstanden wird.

Dort kommt es kurz zu einer Art Tumult, als ein paar Hundert Demonstranten sich aus der Menge lösen und den Zaun vor dem Reichstag einreißen. Die Polizei reagiert gelassen und lässt den Zaun unten - gegen derart basisdemokratisch-nette Demonstranten vorzugehen, würde wohl nicht so gut ankommen. Denn nett, das sind alle hier. "Viele kleine Leute, die viele kleine Dinge tun, können die Welt verändern", tönt es von der Bühne. Soviel Gutmenschentum kann man naiv finden. Man kann das aber auch sagen, wie die Leute hier:

Zynisch waren wir lang genug.