NSU-Untersuchungsausschuss Fragwürdiger Umgang mit rechtsextremen Soldaten

Auch Uwe Mundlos (li.) wurde während seines Wehrdienstes vom Militärischen Abschirmdienst befragt - und durfte unbehelligt in der Bundeswehr bleiben. Hier auf einem Archivbild aus dem Jahr 1996 gemeinsam mit Uwe Boehnhardt (Mi.).

(Foto: dapd)

Bundeswehrrekruten, die mit Reichskriegsflaggen tätowiert sind, offen die SS verherrlichen - und trotzdem unbehelligt ihren Dienst an der Waffe verrichten. Wie der NSU-Untersuchungsausschuss zutage gefördert hat, gab es in den neunziger Jahren zahlreiche solcher Fälle. Eine unrühmliche Rolle soll auch der Militärische Abschirmdienst gespielt haben.

Von Tanjev Schultz

Der Rekrut André E. fiel auf, weil er seine Gesinnung auf der Haut trug. Der mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) ließ sich als Jugendlicher Wikingerköpfe auf Brust und Oberarme tätowieren - und eine Reichskriegsfahne mit den Initialen A. H. Außerdem die Nazi-Losung "Blut und Ehre".

Dennoch leistete E. von Ende 1999 bis Spätsommer 2000 seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr. An diesem Donnerstag will sich der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags erneut mit der Bundeswehr und ihrem Nachrichtendienst, dem Militärischen Abschirmdienst (MAD), befassen. Als Zeuge wird unter anderem der frühere MAD-Präsident Karl-Heinz Brüsselbach vernommen.

Der MAD soll die Bundeswehr vor Extremisten schützen, vor Leuten wie André E. Im Februar 2000 befragten ihn auch tatsächlich MAD-Mitarbeiter "wegen seiner Tätowierungen und seiner diesbezüglichen Einstellung". Den Verlauf des Gesprächs hielten sie anschließend in einem Befragungsbericht fest.

André E. soll gesagt haben, die SS habe "wirklich für ihr Land gekämpft". Er verehre die SS, weil diese nationalsozialistisch ausgerichtet und eine Elitetruppe gewesen sei. Bereits bei der Musterung im Kreiswehrersatzamt Zwickau seien seine Tätowierungen gesehen worden, "man hätte ihn aber nicht darauf angesprochen". Der bekennende Nationalsozialist durfte zum Dienst an der Waffe antreten.

E. sei "halbwegs intelligent" heißt es im MAD-Bericht

Er selbst habe kein Problem damit, da er nicht für das System, sondern für Deutschland Soldat sei, soll E. gesagt haben. Hatte denn die Bundeswehr ein Problem mit ihm? Der MAD-Bericht beurteilt E. als "halbwegs intelligent". Er habe freundlich und gut überlegt Auskünfte erteilt. Obwohl als Rechtsextremist erkannt, blieb E. nach der Befragung durch den MAD weiter im Dienst.

Eva Högl, SPD-Obfrau im NSU-Ausschuss, hat aus diesem und anderen Fällen den Eindruck gewonnen, dass der MAD vor allem daran interessiert gewesen sei, "als Headhunter V-Leute für zivile Verfassungsschutzbehörden zu gewinnen". So sei beispielsweise der NSU-Terrorist Uwe Mundlos erst kurz vor Ende seines Wehrdiensts befragt worden, obwohl der MAD bereits sieben Monate zuvor von dessen rechtsextremistischen Aktivitäten gewusst habe. Der MAD fragte Mundlos 1995, ob er bereit wäre, den Behörden Informationen über die rechte Szene und über geplante Anschläge auf Asylbewerberheime zu liefern. Dem Befragungsbericht zufolge verneinte Mundlos dies.

Oberst a. D. Dieter Huth, beim MAD lange Zeit zuständig für die Abwehr von Extremisten, hat vor dem Ausschuss bestätigt, dass es auch darum gegangen sei, V-Leute zu gewinnen, die der MAD an andere Dienste weitergeben konnte. Als vor einigen Wochen die für verschwunden gehaltene MAD-Akte Mundlos bekannt wurde, hatten Offizielle des MAD das noch anders dargestellt. Sie taten so, als habe es sich um eine Routine-Testfrage gehandelt, um zu prüfen, wie tief Mundlos bereits im braunen Milieu steckte.