NSU-Prozess Wie viel wusste Thomas R.?

Es gibt allerdings eine Meldung aus dem Jahr 1995, in der Corelli dem Verfassungsschutz von einem geplanten Skin-Konzert in Dresden berichtete. Die Information will er von Uwe Mundlos erhalten haben. Außerdem berichtete Corelli, durch den Kontakt zu Mundlos habe er erfahren, dass etwa 30 Personen die "Kameradschaft Jena" gebildet hätten. Ein Geheimdienst-Mann vermutete, Corelli könnte Mundlos bei der Bundeswehr begegnet sein. Corelli bestritt, dass er es war, der damals die entsprechenden Meldungen beim Verfassungschutz gemacht hatte.

Beamte gehen davon aus, dass Mundlos und Thomas R. sich mindestens einmal getroffen und dabei ihre Adressen ausgetauscht haben. Offenbar hat der Verfassungsschutz später, als Mundlos in den Untergrund abgetaucht war, wenig oder nichts unternommen, um seine angeblich so gute Quelle namens Corelli bei der Suche einzusetzen.

Stattdessen trieb sich der Spitzel unter anderem beim Ku Klux Klan herum, der nach der Jahrtausendwende sogar baden-württembergische Polizisten anlockte. Es ist wahrscheinlich, dass der V-Mann damals gezielt vom Bundesamt auf den rassistischen Geheimbund angesetzt worden ist. Ein Geheimdienst-Mann spricht davon, Corelli sei wohl in diese Richtung "angestupst" worden. Immerhin trug dies dazu bei, dass den Behörden die Mitgliedschaft der Polizisten bekannt wurde. Die Öffentlichkeit erfuhr davon indes erst Jahre später.

Allzu vertrauensvolles Verhältnis

Beim Inlandsgeheimdienst hielt man Corelli für zuverlässig. Es entwickelte sich ein nicht ungefährliches, allzu vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem V-Mann und seinem V-Mann-Führer, also dem Beamten, der sich regelmäßig mit Corelli traf. Sogar einem internen Kontrolleur des Bundesamts ist die bedenkliche Nähe aufgefallen.

Die Frage, die nicht nur Ermittler umtreibt, lautet nun, ob Corelli vielleicht doch mehr wusste über den NSU, als er bisher zugegeben hat. Auffällig ist, dass er einst seinen Computerserver bereitstellte für das Neonazi-Magazin "Der Weiße Wolf". In einer Ausgabe dieses Blättchens, für das zeitweise ein NPD-Politiker verantwortlich zeichnete, erschien im Jahr 2002 der Satz: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter". Corelli beschaffte damals auch dem Bundesamt ein Heft. Die rätselhaften Zeilen lösten damals offenbar keine Nachfragen aus.

Der NSU war zu der Zeit noch unbekannt, später fand die Polizei in der niedergebrannten Wohnung der Terroristen in Zwickau eine Datei mit einem Brief. Ihn hatten die untergetauchten Neonazis offensichtlich an ausgewählte Neonazis-Blättchen verschickt und Geld beigelegt. Die Macher des "Weißen Wolfs" haben sich dann artig bedankt. Die möglichen Empfänger bestreiten jedoch, in den NSU und seine Taten eingeweiht gewesen zu sein. Auch Corelli sagte, von einer Spende durch den NSU habe er nichts gewusst.

Die Linken-Abgeordnete Petra Pau forderte den Bundesinnenminister und die Sicherheitsbehörden dazu auf, im Innenausschuss des Bundestags "für Klärung" im Fall Corelli zu sorgen. Pau war Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses. Sie sagt, der Verdacht, dass der Ausschuss ausgebremst worden sei, habe neue Nahrung erhalten. Wiederholt sei versucht worden, Corelli aus dem Fokus des Ausschusses zu nehmen.