NSU-Prozess Tod von V-Mann "Corelli" wirft Fragen auf

Im NSU-Fall tauchen immer wieder neue Fragen auf. Wusste der V-Mann "Corelli" mehr, als er zugab? Der frühere Spitzel aus der rechten Szene ist überraschend gestorben. Statt der erhofften Antworten gibt es nun Spekulationen.

Von Tanjev Schultz

Diabetes kann eine tückische Krankheit sein, er ist eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Besonders gefährdet sind Menschen, bei denen der Diabetes gar nicht erkannt worden ist. So soll es beim Spitzel "Corelli" gewesen sein, einem Neonazi, der jahrelang dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu Diensten war. Thomas R. alias Corelli befand sich im Zeugenschutzprogramm, als er Anfang April tot aufgefunden wurde. Im NSU-Fall hätte es noch einige Fragen an den 39-Jährigen gegeben, nun gibt es statt dieser Antworten Spekulationen über den Todesfall.

Amtliche Untersuchungen laufen, bisher soll es keinerlei Anzeichen für eine Fremdeinwirkung geben. Am Rande des NSU-Prozesses wird über den Fall geredet und getuschelt. Der Spiegel fragt, ob Corelli womöglich dem NSU bei der Produktion seiner Bekenner-DVD geholfen habe. Dass die Terroristen solche Hilfe nötig hatten, wäre allerdings verwunderlich. Der Neonazi Uwe Mundlos kannte sich selbst hervorragend mit Computern und Software aus.

Im Zuge von Recherchen zum NSU war Corelli vor zwei Jahren enttarnt worden. Um ihn vor möglichen Racheakten zu schützen, half ihm der Geheimdienst, neu anzufangen. Doch Corelli blieb im Fokus von Medien und Ermittlern. Wie der Spiegel berichtet, wurde dem Hamburger Verfassungsschutz im Februar eine CD mit rechtsextremistischem Material zugespielt, das zum Teil Corelli zugeordnet werden könne. Die CD sei beschriftet gewesen mit dem Titel "NSU/NSDAP" - und angeblich spätestens im Jahr 2006 fertiggestellt worden. In einigen Texten sei von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" die Rede. Unklar sei, ob damit die rechte Terrorgruppe NSU gemeint war, der zehn Morde angelastet werden.

Im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht war Corelli nicht als Zeuge vorgesehen, aber das BKA hat ihn zweimal zum NSU vernommen. Für eine erneute Befragung kamen die Ermittler zu spät. Corelli soll tot in einer Wohnung im Landkreis Paderborn gefunden worden. Zuvor hatte Thomas R. in Leipzig gewohnt. Wer die Leiche fand und wie die Ergebnisse der Obduktion ausgefallen sind, ist bisher nicht bekannt.

Spitzenquelle "HJ Tommy"

Ein Beamter des Bundesamts bezeichnete Corelli im vergangenen Jahr als "Spitzenquelle". Thomas R. bekam etwa zehn Jahre lang Geld für seine Informantentätigkeit. Er verriet Interna über die rechtsextreme Szene in Sachsen-Anhalt und in Sachsen, über die bundesweite Organisation "Blood & Honour" und einen deutschen Ableger des Ku Klux Klan. Thomas R. war gut vernetzt, viele braune Kameraden kannten ihn unter dem Spitznamen "HJ Tommy". Als ihn das BKA voriges Jahr befragte, tischte Thomas R. den Beamten eine interessante Erklärung für den Spitznamen auf: "HJ" stehe nicht etwa für die Hitlerjugend, es bedeute lediglich "Hallescher Junge". Er sei ja in Halle aufgewachsen.

Auch bei anderen Antworten hatten die Ermittler Grund, an der Ehrlichkeit des ehemaligen V-Mannes zu zweifeln. Er behauptete, das Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ausschließlich aus den Medien zu kennen. Corellis früheres Postfach stand jedoch auf einer Kontaktliste von Mundlos, die 1998 bei einer Razzia sichergestellt wurde. Wie kam Thomas R. alias Corelli auf die Liste? Seine Erklärung: Er habe mit Demo-Bändern gehandelt, also mit Musik für Neonazis. Es sei eine Art Tauschbörse gewesen, für die sich Mundlos interessiert habe. Persönlich getroffen habe er ihn aber nie.