NSU-Prozess Geheimnisse um einen toten V-Mann

Im Innenausschuss wollen Abgeordnete mehr über den Tod des Neonazis und früheren Verfassungsschutz-Spitzels "Corelli" erfahren. Nicht einmal der genaue Todeszeitpunkt ist klar. Und auch nicht die Hintergründe einer rätselhaften DVD.

Von Lena Kampf und Tanjev Schultz

Der überraschende Tod des Neonazis und V-Mannes Thomas R. alias "Corelli" wirft weiterhin Fragen auf. Im Innenausschuss des Bundestags ließen sich die Abgeordneten jetzt über den Stand der Ermittlungen informieren. Corelli lebte zuletzt unter neuem Namen im Landkreis Paderborn, der 39-Jährige wurde am 7. April von Beamten des Bundesamts für Verfassungsschutz tot aufgefunden.

Laut Obduktion war die Todesursache eine Überzuckerung durch eine unerkannte Diabetes-Erkrankung. Der Todeszeitpunkt wird eingegrenzt auf den Zeitraum 4. April bis 7. April, präzisere Angaben gibt es bisher nicht.

Im Ausschuss traten neben drei Chefs des Verfassungsschutzes (des Bundesamts sowie der Landesämter in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern) auch der für die Todesermittlungen zuständige Staatsanwalt und die Polizeipräsidentin von Bielefeld auf.

Wenige Stunden vor seinem Tod hat Thomas R. sich offenbar noch ärztliche Hilfe holen wollen. Eine Auswertung seines Computers zeigte, dass am 4. April in den frühen Morgenstunden, um 4 Uhr 51, im Internet nach Internisten in Paderborn gesucht wurde. Die ihn betreuenden Beamten fanden ihn drei Tage später tot auf seinem Bett. Die Leichenstarre soll zu dem Zeitpunkt bereits nachgelassen haben. Eine Fremdeinwirkung wird von den Ermittlern ausgeschlossen.

Thomas R. war ein wichtiger Zeuge im NSU-Verfahren

Thomas R. war ein wichtiger Zeuge im NSU-Verfahren. Sein Name stand auf einer Kontaktliste, die 1998 in Jena gefunden und dem späteren NSU-Terroristen Uwe Mundlos zugeordnet wurde.

Im Frühjahr 2014 tauchte eine DVD auf, die ein anderer V-Mann in Hamburg an den Verfassungsschutz übergeben hat. Auf der DVD ist von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" und der "NSU/NSDAP" die Rede, sie enthält zahlreiche historische Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Bisher ist ungeklärt, ob es eine Verbindung zur Terrorgruppe NSU gibt.

Der V-Mann aus Hamburg will die DVD im Jahr 2006 von Thomas R. alias Corelli bekommen und erst in diesem Jahr beim Aufräumen wiedergefunden haben. Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist bei einer Hausdurchsuchung eine ähnliche DVD aufgetaucht.

NSU-Ermittler hatten Thomas R. schon vor Auftauchen der DVDs vernommen, damals leugnete er jede Verbindung zur rechten Terrorgruppe. Er sollte erneut vernommen und zu den DVDs befragt werden, aber die Ermittler kamen zu spät.

Ein aktiver Neonazi und Spitzel

Thomas R. lebte früher in Halle und war ein sehr aktiver Neonazi und Spitzel. Er berichtete dem Geheimdienst unter anderem über eine Ku Klux Klan Gruppe in Baden-Württemberg.

Thomas R. bekam eine neue Identität und zog nach Paderborn, nachdem er im Zuge der NSU-Aufklärung enttarnt worden war. Beamte des Bundesamts kümmerten sich intensiv um ihren Ex-Spitzel. In anderthalb Jahren sollen sie sich 50 Mal mit Thomas R. getroffen haben, von einer Diabetes-Erkrankung haben sie angeblich nichts gewusst.

R. soll nicht oft zum Arzt gegangen sein und sich bei einer Erkältung selbst behandelt haben, heißt es. Ein für den 2. April vereinbartes Treffen mit den Betreuern vom Verfassungsschutz soll er abgesagt haben, per SMS: "Liege flach im Bett." Als er dann nicht mehr erreichbar war, schauten die Beamten nach.

Die NSU-Ermittler des BKA haben Handys, die in der Wohnung von R. lagen, ausgewertet. Dabei stieß man auf einen gewissen "Tommy", der mehrmals zu R. Kontakt vor dessen Tod gehabt haben soll. Im Aktenbestand des NSU tauche diese Person nicht auf, heißt es. Auf eine Vernehmung von "Tommy" hat man bisher verzichtet.

Funkzellen und Verbindungsdaten wurden abgefragt, aber offenbar nicht ausgewertet, weil ja ein "natürlicher Tod" festgestellt worden sei. Wieder einmal schieben sich die verschiedenen Behörden die Verantwortung gegenseitig zu - ein Muster, das man aus dem NSU-Fall zur Genüge kennt.

Maaßen, der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz sagt, seine Behörde sei "nicht für Todesermittlungen zuständig". Ungeklärt ist weiterhin, welche Bedeutung die DVD mit dem "NSU"-Kürzel in der rechten Szene hatte.