NSU-Prozess Einblicke in das Seelenleben der Beate Zschäpe

Das Schweigen fällt der Angeklagten im NSU-Prozess zunehmend schwer.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Beate Zschäpe hat sich dem Psychiater Norbert Nedopil anvertraut. In einem Gutachten gibt er Einblicke in das Seelenleben der Angeklagten.
  • Demnach ist die 40-Jährige seelisch stark belastet. Es gibt Hinweise, dass sie ihre Strategie, im Prozess zu schweigen, nicht bis zum Ende durchhalten kann.
Von Annette Ramelsberger

Norbert Nedopil ist ein Mann, der schon viele zum Reden gebracht hat: Prostituiertenmörder, Kinderschänder, aber auch den rechtsradikalen Bombenleger Franz Fuchs, der in den Neunzigerjahren in Österreich vier Menschen ermordet hatte. Der Münchner Psychiater Nedopil hat die seltene Gabe, einen Schlüssel zu finden zu Menschen, die nicht entschlüsselt werden wollen. Nun hat auch Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, mit ihm gesprochen. Und sie hat ihn so tief in ihre Seele schauen lassen wie sonst wohl noch kaum jemanden.

In einem 17-seitigen vertraulichen Gutachten hat Nedopil für das Münchner Gericht aufgeschrieben, wie es in Beate Zschäpe aussieht. Sie hat offenbar ganz offen mit ihm geredet, obwohl der Gutachter nicht der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt. Doch offensichtlich ist der Leidensdruck bei Zschäpe mittlerweile so groß, dass sie das in Kauf genommen hat.

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Die Strategie der Angeklagten ist bisher nicht aufgegangen

Laut Nedopil geht es der Frau mit dem unbewegten Gesicht richtig schlecht. Selbst ohne psychiatrische Expertise kann man sich vorstellen, dass es für die leutselige Zschäpe schwer ist, seit zwei Jahren wort- und regungslos im Gericht zu sitzen. Frühere Nachbarn schildern sie als offene Frau, mit der man angenehm plaudern kann. Sie war diejenige, die die sozialen Kontakte des NSU-Trios pflegte. Nun aber fühlt sie sich von Feinden umstellt - den Gerichtssaal, so schreibt Nedopil, empfindet sie als "Kriegsgebiet". Auch im Gefängnis kann sie sich niemandem anvertrauen: Mitgefangene versuchen - wie auch bei dem inhaftierten Uli Hoeneß - ihr Wissen an die Medien zu verkaufen. Also muss Zschäpe stets die Fassade aufrechterhalten.

Bei Zschäpe hat die Sprachlosigkeit offenbar zu seelischer Erschöpfung geführt. Nedopil schreibt, so berichtet es die FAZ, der das Gutachten vorliegt, von einer "chronischen Belastungsreaktion" mit "Einbußen an Antrieb, Konzentrationsfähigkeit, Ausdauer" mit "psychosomatischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und Röschenflechte". Sie falle abends wie ein Stein ins Bett, finde aber keine Erholung.

Besonders scheint Zschäpe darunter zu leiden, dass sie ihre Verteidigungsstrategie nicht mehr durchhalten kann: Immer wieder entgleisen ihr die Gesichtszüge, wenn frühere Freunde aus der rechten Szene über sie berichten. Früher flehten Angehörige der Opfer sie an, zu reden, und sie blieb völlig unbewegt. Heute fährt sie sich mit den Händen durch die Haare, rollt die Augen und stöhnt lautlos, wenn sie von Aussagen genervt ist. Und immer öfter verwahren sich ihre Verteidiger gegen neue Zeugen und deren intensive Befragung. Die Verteidigung, das ist ganz offensichtlich, will zu einem Ende kommen.

Zschäpe könnte am Ende doch noch auspacken

Doch was will Zschäpe? Immer noch schwebt der Satz im Raum, den sie 2011 der Polizei sagte: Sie habe sich nicht gestellt, um nichts zu sagen. Und bisher ist ihr Schweigen nicht so aufgegangen, wie sie sich das vielleicht gewünscht hat. In zwei Entscheidungen gegen den Mitangeklagten Ralf Wohlleben hat das Gericht deutlich gemacht, dass es die Anklage durch die Ergebnisse der Hauptverhandlung nicht erschüttert sieht. Das dürfte das Gericht mit Blick auf Zschäpe nicht sehr viel anders sehen.

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So könnte das Gutachten auch ein Anlass sein, die Strategie zu ändern - sozusagen auf den letzten Metern. Allerdings ist das nicht so einfach. Denn dann muss Zschäpe ganz auspacken, nicht nur an den Punkten, wo sie gerne reden will. Erfahrene Juristen hielten eine Kehrtwende jedoch für "prozessualen Selbstmord".

Wenn nun aber sogar Psychiater Nedopil dazu rät, die Verteidigungsstrategie zu überdenken, weil sie so kräftezehrend sei und die Mandantin belaste, dann könnte so eine Kehrtwende von der Verteidigung viel besser begründet werden: nicht mit juristischen, sondern quasi mit medizinischen Gründen. Es ist nun alles wieder offen im NSU-Prozess.