Nordkorea hilft Iran mit Atomprogramm Gefährliche Hilfe aus Pjöngjang

Nordkorea hat nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" dem Verteidigungsministerium in Teheran im Frühjahr ein hochspezialisiertes Computerprogramm beschafft. Iran könnte dadurch wichtiges Know-how für den Bau von Atomwaffen gewinnen.

Von Paul-Anton Krüger

Nordkorea hat seine Rüstungszusammenarbeit mit Iran nach Informationen der Süddeutschen Zeitung aus westlichen Geheimdienstkreisen seit Anfang des Jahres deutlich ausgeweitet. Demnach hat Pjöngjang dem Verteidigungsministerium in Teheran im Frühjahr ein hoch spezialisiertes Computerprogramm beschafft, mit dem sich Neutronenflüsse simulieren lassen. Solche Berechnungen sind für die Konstruktion von Reaktoren unerlässlich, aber auch für die Entwicklung von nuklearen Sprengköpfen. Wissenschaftler aus Nordkorea sollen ihre iranischen Kollegen zudem an der Software ausgebildet haben. Iran könnte dadurch wichtiges Know-how für den Bau von Atomwaffen gewinnen.

Das Programm namens MCNPX 2.6.0, eine Abkürzung für Monte Carlo N-Particle Extended, ist vom US-Atomwaffenlabor Los Alamos entwickelt worden. Es ist an westlichen Universitäten und Forschungsinstituten verbreitet und eignet sich für eine Vielzahl ziviler Anwendungen. Zugleich unterliegt es aber strengen Exportkontrollen, weil damit auch die Entwicklung von Atomwaffen betrieben werden kann. Wie Nordkorea in den Besitz der Software gelangen konnte, ist unklar. Der Deal mit Iran ist möglicherweise Teil einer umfangreicheren Zusammenarbeit, für die Iran mehr als 100 Millionen Dollar gezahlt haben soll. Nach übereinstimmender Einschätzung von Experten wäre diese Summe allein für das Computerprogramm und die Schulung weit überhöht. Nordkorea verscherbelt seit Jahren Rüstungstechnologie, vor allem Raketen, gegen harte Devisen an Länder wie Iran. Das Land hat nach Ansicht des US-Auslandsgeheimdienstes CIA zudem Syrien geholfen, einen geheimen Atomreaktor zur Plutoniumproduktion zu bauen, den Israels Luftwaffe 2007 zerbombt hat.

Mit der nun gelieferten Software können Wissenschaftler berechnen, ob eine nukleare Anordnung kritisch wird, also eine selbsterhaltende Kettenreaktion entsteht. Das ist Voraussetzung für eine nukleare Explosion. Iran könnte mit MCNPX Simulationen berechnen, mit denen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit herausfinden ließe, ob eine Atombombe zünden würde, sofern alle mechanischen Komponenten funktionieren. Nordkorea lieferte laut den Informationen auch sogenannte Kerndatenbibliotheken, Datenbanken, die für die Genauigkeit der Simulation wichtig sind. Darin sollen Daten enthalten sein, die Nordkorea durch Experimente in eigenen Labors gewonnen hat.

Das Land hat im Oktober 2006 und im Mai 2009 Atomsprengkörper getestet und zuvor entsprechende Forschungs- und Entwicklungsarbeiten betrieben. Auch die USA nehmen Experimente mit Nuklearmaterial vor, wie aus offiziellen Dokumenten hervorgeht. Die Daten fließen in Simulationen ein, mit denen das vorhandene Atomwaffenarsenal weiterentwickelt und auf seine Zuverlässigkeit geprüft wird, seit die US-Regierung 1992 die Atomwaffentests ausgesetzt hat.

Mitte Februar reiste nach den Geheimdiensterkenntnissen eine nordkoreanische Delegation nach Iran, um dort rund 20 Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in der Anwendung des Programms zu schulen. Diese sollen in Verbindung mit einer Gruppe von mehreren Dutzend Wissenschaftlern stehen, die in Iran weiter die Entwicklung eines nuklearen Sprengkopfes vorantreiben. Das Training soll über etwa drei Monate hinweg auf einem geheimen Stützpunkt der Revolutionsgarden stattgefunden haben.

Drei der nordkoreanischen Experten arbeiten demnach an der Zweiten Akademie der Naturwissenschaften in Pjöngjang, die an der Entwicklung von Raketen und Atomwaffen beteiligt und deshalb von den USA mit Sanktionen belegt ist. Zwei weitere Wissenschaftler sollen hohe Positionen am Kernforschungszentrum Yongbyon bekleiden, dem Herzstück des nordkoreanischen Atomprogramms. Die Delegation soll bei ihrer Rückkehr einen Teil des Kaufpreises in bar mit nach Pjöngjang genommen haben. Zwei der Nordkoreaner wurden für Anfang August in Iran zurückerwartet, eventuell um iranische Wissenschaftler bei konkreten Simulationen zu unterstützen.

Die neuen Informationen erhärten den Verdacht, dass Iran weiter an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet, auch wenn das Land nach einem internen Dokument der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA aus dem Jahr 2008 bereits über alle nötigen Informationen zum Bau eines funktionsfähigen Sprengkopfs verfügt. Die IAEA lehnte eine Stellungnahme ab und verwies auf den jüngsten Bericht ihres Generaldirektors Yukiya Amano vom Mai. Darin hatte Amano in sieben Punkten detailliert verdächtige Aktivitäten aufgelistet, die nach Auffassung der IAEA auf "mögliche militärische Dimensionen" des iranischen Nuklearprogramms hindeuten. Amano sagte am Rande des IAEA-Gouverneursrats im Juni, seiner Behörde lägen Informationen vor, dass die fraglichen Aktivitäten "bis vor kurzem" angedauert hätten.

"Sie betreiben ganz klar kein iranisches Manhattan-Projekt"

Europäische wie auch die amerikanischen Geheimdienste gehen davon aus, dass Iran derzeit kein aktives Programm betreibt, um Kernwaffen zu produzieren. Nach überwiegender Meinung von Experten und Geheimdiensten hat die iranische Führung die politische Entscheidung dazu noch nicht getroffen; innerhalb des Regimes gibt es offenbar unterschiedliche Ansichten in dieser Frage. Zumindest versucht die Regierung aber die verschiedenen Voraussetzungen dafür zu schaffen, im Notfall in kurzer Zeit Atomwaffen bauen zu können. In Europa überwiegt unter den Geheimdiensten die Einschätzung, dass Iran auch nach 2003 Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für Atomwaffen fortgesetzt hat. Die US-Dienste waren 2007 in einer gemeinsamen Einschätzung zum umstrittenen Schluss gelangt, Iran habe 2003 sein aktives Atomwaffenprogramm beendet.

Olli Heinonen, Proliferationsexperte an der Harvard-Universität und früherer Chefinspektor der IAEA, sagte der Süddeutschen Zeitung, wenn Iran tatsächlich an einem Design für Atomwaffen arbeite, sei eine Kooperation mit Nordkorea nützlich, obwohl das nordkoreanische Programm auf Plutonium beruht, während Iran bisher offenbar ausschließlich auf Uran setzt. "Selbst wenn sie ihre eigene Software und Parameter haben, würde man seine Ergebnisse gerne mit jemandem vergleichen, der es getan hat", sagte Heinonen mit Blick auf Nordkoreas Atomtests. Pjöngjang habe an seinen Universitäten "große Anstrengungen auf die Simulation und Berechnung von Neutronenflüssen in Sprengköpfen verwendet".

Zudem pflegten Iran und Nordkorea eine enge Kooperation bei der Entwicklung und beim Bau von ballistischen Raketen. "Da wäre es logisch für sie, auch darüber zu sprechen, was man auf die Spitze dieser Raketen packt und auch in dieser Hinsicht zusammenzuarbeiten", sagte Heinonen. Selbst wenn Iran bereits über Pläne für einen funktionsfähigen Sprengkopf verfüge oder gar Komponenten getestet habe, seien weitere Simulationen nützlich. "Sie betreiben ganz klar kein iranisches Manhattan-Projekt" schränkte Heinonen mit Bezug auf das US-Programm zum Bau von Atomwaffen während des Zweiten Weltkriegs ein. "Aber sie wollen ganz klar ihr Know-how verbessern." Um zu einem als Waffe einsetzbaren Sprengkopf zu gelangen "will man das Design weiter verbessern, es so klein und zuverlässig wie möglich gestalten", erläuterte er. Dafür ergebe eine Zusammenarbeit mit Nordkorea "perfekten Sinn".