Kampagne des Bundesinnenministeriums Plakativ gegen Islamismus

Mit einer Plakataktion wirbt das Innenministerium für eine Beratungsstelle. Sie soll Muslime in Deutschland davor bewahren, in extremistische Strukturen abzurutschen. Die Botschaft: Jeder Moslem kann ein Terrorist sein - selbst wenn er nett lächelt.

Von Antonie Rietzschel

Ahmad wird vermisst. Ein Plakat zeigt das Foto eines jungen Mannes mit rundlichem Gesicht, der in die Kamera lächelt. "Das ist unser Sohn Ahmad. Wir vermissen ihn, denn wir erkennen ihn nicht mehr. Er zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Wir haben Angst, ihn ganz zu verlieren - an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen", steht darunter, sowie eine Telefonnummer. Doch sie dient nicht dafür, Hinweise über den Verbleib des jungen Mannes entgegenzunehmen.

Ahmad gibt es nicht wirklich - sein fiktiver Charakter ist Teil einer neuen Plakatkampagne des Bundesinnenministeriums.

(Foto: Bundesministerium des Innern)

Ahmad gibt es in Wirklichkeit nicht, genauso wenig wie Hassan, Tim oder Fatima, die auf weiteren Plakaten zu sehen sind. Sie sind fiktive Charaktere - in einer neuen Kampagne des Bundesinnenministeriums. Mithilfe der Plakate soll die "Beratungsstelle Radikalisierung" beworben werden. Sie wurde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eingerichtet und ist Teil der vom Innenministerium und muslimischen Verbänden gegründeten "Initiative Sicherheitspartnerschaft". Bei der Anlaufstelle können sich seit Januar Eltern, Angehörige, Freunde oder Lehrer telefonisch und per E-Mail melden, wenn sie bei jungen Menschen Veränderungen bemerken, die auf eine islamistische Radikalisierung hindeuten.

Die auf Deutsch und Türkisch verfassten Plakate sind bei Facebook zu sehen. Vom 21. September an werden sie in vor allem von Migranten bewohnten Stadtvierteln in Berlin, Bonn und Hamburg aufgehängt. "Es ist uns ein großes Anliegen, auch bei muslimischen Eltern mehr Akzeptanz zu finden", sagte eine Ministeriumsreferentin bei der Vorstellung der Kampagne am vergangenen Freitag. Bislang hätten sich vor allem deutsche Eltern an die Anlaufstelle gewandt, deren Kinder etwa heimlich zum Islam konvertiert seien. Ungefähr 20 Fälle würden derzeit bearbeitet.

Aydan Özoğuz, Integrationsbeauftragte und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, glaubt jedoch nicht daran, dass sich durch die 300.000 Euro teure Kampagne Migranten angesprochen fühlen. Vielmehr würden Vorurteile gegenüber Muslimen weiter geschürt: "Die Bilder von nett aussehenden Muslimen im Zusammenhang mit dieser Kampagne suggerieren, dass jeder ein Fanatiker oder sogar Terrorist sein kann", sagt sie im Gespräch mit Süddeutsche.de. Außerdem sei nicht klar umrissen, was "radikal" eigentlich konkret bedeutet: "Wird die Innenbehörde bereits aktiv, wenn mein Kind zum Islam konvertiert?"

Auch bei der Regierungspartei FDP ist man empört über den Vorstoß des Bundesinnenministeriums: Der Integrationsbeauftragte der Liberalen im Bundestag, Serkan Tören, glaubt, dass durch die Plakataktion die Grenzen zwischen Islam und Islamismus verwischt würden. Das Thema sei wichtig, doch hätte man andere Zugänge wählen siollen: "Ich bin mir nicht sicher, ob sich eine Familie in der so etwas passiert, an eine staatliche Behörde wendet. Angst und Verunsicherung spielen da eine große Rolle. Deswegen wäre es viel sinnvoller, die Möglichkeit der direkten Ansprache zu bieten", sagt Tören im Gespräch mit Süddeutsche.de. Eine Aufklärungskampagne in Moscheen etwa würde mehr bewirken.

Ein Autor des Onlinemediums Migazin, das sich vor allem mit Migrationsthemen beschäftigt, ist vor allem darüber verwundert, dass muslimische Verbände die Kampagne mittragen. Zu den muslimischen Trägerverbänden der Initiative Sicherheitspartnerschaft gehören unter anderem der Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V. sowie die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. Die Plakate seien in einem langen Abstimmungsprozess mit den Verbänden entstanden, heißt es aus dem Innenministerium. Seitens der Verbände ließ sich diese Aussage nicht bestätigen, da sie nicht für eine Stellungnahme zu erreichen waren oder sich nicht dazu äußern wollten.

Was die Redaktion von Migazin von der Kampagne des Bundesinnenministeriums hält, wird auf einer Fotomontage deutlich: Auf einer Vermisstenanzeige ist das Bild von Innenminister Hans-Peter Friedrich platziert. Darunter steht: "Das ist unser Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Wir vermissen ihn nicht, denn wir erkennen ihn nicht mehr wieder. Er zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Wir haben Angst, dass er ganz abrutscht - in die Hände rechter Fanatiker und Terrorgruppen. Wenn es Ihnen genauso geht wie uns, wenden Sie sich an die Beratungsstelle."