Nato-Gipfel in Lissabon: Cyberkrieg Digitales Schlachtfeld

Neue Herausforderung: Die Nato rüstet sich gegen Attacken aus dem Cyberspace. Besonders sensibel ist man in Estland, wo 2007 der "Erste Web-Krieg" stattfand - und nun Nato-Experten über die Zukunft des Krieges brüten. Ein Besuch.

Von Matthias Kolb, Tallinn

Die Krieger der Zukunft sind in einer alten Kaserne untergebracht. Das Backsteingebäude aus der Zarenzeit ist streng gesichert: Ohne vorherige Anmeldung und Sicherheitskontrolle darf niemand die Räume des Cyber-Verteidigungszentrums der Nato betreten.

Während draußen Soldaten beim Appell geradestehen, sitzen 30 Computer- und Rechtsexperten vor ihren Monitoren und machen sich Gedanken über den Krieg des 21. Jahrhunderts. Denn spätestens die Diskussion um das Strategiekonzept der Nato, das beim Gipfel in Lissabon beschlossen werden soll, hat gezeigt, dass die Kämpfe der Zukunft auch im virtuellen Raum geführt werden müssen.

"Unsere Aufgabe ist es nicht, die IT-Probleme einzelner Staaten zu lösen, sondern wir denken darüber nach, wie die Digitalisierung die Arbeit des Militärs verändert", erklärt Direktor Ilmar Tamm. Der 37 Jahre alte Oberst, ein drahtiger Mann mit wachen Augen hinter einer drahtlosen Brille, leitet das Zentrum seit dessen Gründung im Mai 2008. Eine kleine Gruppe von Soldaten habe sich seit 2006 darüber Gedanken gemacht, wie sich die estnische Armee auf Angriffe aus der virtuellen Welt vorbereiten könnte, berichtet Tamm.

Im April 2007 geschah dann etwas, was Experten wie Richard Clarke als den "Ersten Web-Krieg" der Geschichte bezeichnen: Nachdem die estnische Regierung ein Sowjetdenkmal aus dem Stadtzentrum von Tallinn verlegen ließ und die darunter liegenden Leichname von Rotarmisten umbetten ließ, kam es zu Plünderungen und Straßenschlachten zwischen der Polizei und russischsprachigen Jugendlichen.

Nach einem Tag kehrte auf der Straße Ruhe ein, doch im Internet ging der Kampf erst los: Hacker brachten mehr als eine Million Rechner in 178 Staaten unter ihre Kontrolle, welche die Websites von estnischen Banken, Ministerien und Behörden so lange mit Anfragen bombardierten, bis diese kollabierten. Die kleine Baltenrepublik, seit Mitte der neunziger Jahre ein Vorreiter der Digitalisierung, war offline.

"Die ganze Welt merkte damals, dass eine Zeitenwende stattgefunden hatte und die Sicherheit im Cyberspace das Leben eines jeden Bürgers beeinflussen könnte", erinnert sich Ilmar Tamm. Die Reaktion folgte prompt: Damit die Nato künftig besser auf solche Flächenbrände reagieren kann, haben acht Mitgliedsstaaten das Cyber-Verteidigungszentrum in Tallinn aufgebaut. Neben den baltischen Ländern sind Deutschland, Italien, Spanien, Ungarn und die Slowakei beteiligt.

Die USA haben 2010 ein Cyber Command gegründet, das für diese "vierte Dimension der Kriegsführung" zuständig ist und von einem Vier-Sterne-General geleitet wird. Auch Großbritannien rüstet digital auf: "Cyber-Terrorismus ist eine neue und wachsende Gefahr", sagte Innenministerin Theresa May zur Begründung.

Den Ernstfall simulieren

In Tallinn lässt der estnische Oberst seine Mitarbeiter die bisherigen Cyberattacken - etwa in Georgien oder in Litauen 2008 - analysieren, um die Muster auf dem digitalen Schlachtfeld zu verstehen. In großangelegten Übungen bereiten sich Sicherheitsexperten für den Ernstfall vor: Im Mai wurde eine Attacke einer Extremistengruppe auf Atomkraftwerke simuliert. Die 100 Teilnehmer, die in Angreifer und Verteidiger aufgeteilt waren, programmierten zwei Tage lang. Am Ende flog eines von mehreren AKW in die Luft.

Tamm hält solche Simulationen für sehr wirkungsvoll: "Die Teilnehmer lernen voneinander, sie ändern ihren Blickwinkel und müssen schnell Lösungen für ungeahnte Probleme finden." Der 38-Jährige betont, dass man Cyberkriege im 21. Jahrhundert nicht isoliert sehen dürfe: Hacker könnten auch eingesetzt werden, um konventionelle Angriffe zu unterstützen oder die öffentliche Meinung eines Gegners zu beeinflussen.

Dies hat man in Estland erfahren müssen: Ausländische Journalisten konnten während der Hacker-Attacken keine offiziellen Stellen oder Nachrichtenportale erreichen. Bislang konnte niemand verurteilt werden, auch wenn die Drahtzieher in Russland vermutet werden. Moskau schritt auf alle Fälle nicht ein und verweigerte die Zusammenarbeit mit den estnischen Behörden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welchen Fällen der Bündnisfall innerhalb der Nato künftig gelten soll.