Nahostkonflikt Mit jedem Toten wächst die Wut

Palästinenser tragen den Leichnam von Bassel Ibrahim durch die Straßen von Anata.

(Foto: REUTERS)

Hunderte Palästinenser sind bei den Unruhen nach Trumps Jerusalem-Entscheidung bereits verletzt worden. Nun gab es erneut Tote. Die Beerdigung der jüngsten Opfer gerät am Samstag zur Kundgebung.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Anata

Der Sarg ist offen und außen grün, ein Kranz mit rosa und weißen Blumen schaut heraus und ein Stück roter Stoff - das ist ein Teil der palästinensischen Fahne, in die Bassel Ibrahim gewickelt ist. Um seinen Kopf ist ein Palästinensertuch geschlungen. Hunderte begleiten den 24-jährigen durch die engen Straßen von Anata, einer Stadt in Sichtweite von Jerusalem. Wäre nicht die meterhohe Mauer, die die Stadt umschließt und nur im Westen einen Zutritt ermöglicht, könnte man von einem Vorort im Nordwesten von Jerusalem reden, nur durch die wichtige Verkehrsstraße 1 getrennt.

Es sind vor allem junge Palästinenser, die sich dem Begräbniszug angeschlossen haben, einige tragen palästinensische Fahnen. Viele von ihnen dürften am Freitag dabei gewesen sein und auch Steine auf die israelischen Sicherheitskräfte geworfen haben. Die Uniformierten haben dann scharf geschossen und trafen Ibrahim tödlich. Er war mit 24 Jahren der Jüngste, der am Freitag erschossen worden war. Drei weitere Palästinenser - zwei 29, einer 32 Jahre alt - starben. An diesem Tag wurden die meisten Toten gezählt nach der Erklärung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Seit dem 6. Dezember sind insgesamt acht Palästinenser bei Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften getötet worden, hunderte wurden verletzt.

Mindestens vier Tote bei Ausschreitungen in Palästinensergebieten

Nach den Freitagsgebeten kommt es erneut zu heftigen Protesten gegen Trumps Jerusalem-Entscheidung. Von Alexandra Föderl-Schmid mehr ...

Besondere Empörung in den sozialen Medien rief der Tod von Ibrahim Abu Thuraya hervor, dessen letzte Stunde auf Videos und Fotos festgehalten sind, die im Netz kursieren. Der 29-Jährige, dem nach einem israelischen Luftangriff 2008 beide Beine amputiert werden mussten, ist ein bekannter Aktivist. Er nahm an vielen Kundgebungen teil und schaffte es trotz seiner Behinderung immer wieder, auf Strommasten die palästinensische Fahne zu hissen. Es gibt eine Videobotschaft von ihm, in der er zu Protesten gegen die Trump-Erklärung zu Jerusalem aufruft.

Auch diesen Freitag kam er in seinem Rollstuhl mit, diesmal direkt an den Grenzzaun, der den Gazastreifen von Israel trennt. Der Mann im Rollstuhl wurde von anderen jungen Palästinensern geschoben und schwenkte eine palästinensische Fahne. Es ist auf keinem Foto zu sehen, dass er selbst Steine geworfen hat oder, wie ein Mann neben ihm im Bild, mit einer Steinschleuder hantierte. Dann ist noch zu sehen, wie Tränengasgranaten neben ihm landeten und er durch das Gras krabbelte. Die nächsten Aufnahmen zeigen, wie er blutend im Rollstuhl weggeschoben wird. Er starb laut palästinensischen Angaben durch einen Kopfschuss.

Bis zum Sonnenuntergang war der Rauch aus Anata zu sehen

Die israelischen Streitkräfte erklärten am Samstag, der Vorgang werde untersucht. Eigentlich gilt der Grenzzaun zwischen Gaza und Israel als unüberwindbar und dennoch wurde mit scharfer Munition auf die auf der anderen Seite stehenden Palästinenser geschossen. Neben Abrahim Abu Thuraya gab es mit Yasser Sukar noch einen zweiten Toten im Gazastreifen an diesem Tag.

Mit einer Trage wurde der "halbe Mann", wie er häufig genannt wurde, am Samstag durch die Straßen von Gaza-Stadt getragen, auch Hamas-Chef Ismail Hanija nahm an der Begräbnisprozession zum Friedhof teil. Danach versammelten sich wieder junge Palästinenser, warfen Steine - und es gab zumindest einen Verletzten. Auch an anderen Orten im Gazastreifen und im Westjordanlang gab es am Samstag Demonstrationen, wenngleich weniger heftig als am Vortag.

Am Damaskus Tor, dem Eingang zur Jerusalemer Altstadt, kam es erneut zu Auseinandersetzungen, in der nahe gelegenen Salah ad-Din-Straße waren die Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften heftiger, es gab auch Verhaftungen. Bis zum Sonnenuntergang war auch in Jerusalem noch der Rauch von angezündeten Autoreifen aus Anata zu sehen. Auch dort hatten sich wieder junge Palästinenser versammelt und griffen weiter israelische Einsatzkräfte an: ihr Kampf für Jerusalem, wie sie es am Sarg von Bassel Ibrahim versprochen hatten.

Wenn Enttäuschung in Steinwürfe umschlägt

Acht Tote und Hunderte Verletzte, das ist die vorläufige Bilanz nach Trumps Ankündigung, die US-Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen. Analyse von Alexandra Föderl-Schmid mehr...