Runder Tisch Heimkinder können auf Entschädigung hoffen

120 Millionen Euro für traumatisierte Heimkinder: Während die Betroffenen die Kirchen für ihr Verhalten loben, wächst die Kritik an Unions-geführten Ländern: Sie sind in der Entschädigungsfrage unentschlossen.

Von M. Drobinski

Sie waren fest entschlossen zu gehen und alles platzen zu lassen, nach zwei Jahren Beratungen. Die Summe des Fonds, aus dem künftig ehemalige Heimkinder entschädigt werden sollen, erschien ihnen viel zu niedrig, die Hürden, um an Geld zu kommen, zu hoch, und der Abschlussbericht nannte aus ihrer Sicht nicht so recht beim Namen, was den Kindern in den 50er und 60er Jahren in den Heimen widerfuhr; das Wort vom "System Heimerziehung", das sich noch im Zwischenbericht fand, fehlte diesmal. "Wir kamen uns wieder einmal vor wie die Bettler", sagt Sonja Djurovic, eine der Vertreterinnen der Heimkinder.

Also blieben sie draußen vor der Tür, und erst als Antje Vollmer, die Moderatorin des "Runden Tisches Heimerziehung", ihnen ins Gewissen redete, sie dürften doch nicht am vorletzten Tag der Beratungen alles kaputt machen, da setzten sie sich doch zu den anderen, zu den Vertretern des Bundes, der Länder, der Kirchen und der Wissenschaft. "Mit sehr gemischten Gefühlen", wie Sonja Djurovic sagt, "aber es ist besser, ein bisschen zu erreichen, als gar nichts zu erreichen". Am Montag kann Antje Vollmer nun den einstimmig beschlossenen Abschlussbericht vor der Bundespressekonferenz vorstellen. "Ein einstimmiger Bericht ist immer gut", sagt sie erleichtert am Ende der Beratungen in Berlin.

Ein bisschen haben die Heimkinder auch noch erreicht, in diesen letzten beiden Verhandlungstagen in Berlin, die am Donnerstag bis um 21 Uhr und am Freitag bis um 16 Uhr gingen. Bund, Länder und Kirchen wollen nun zu gleichen Teilen insgesamt 120 Millionen Euro in einen Fonds zahlen; die Summe kann aufgestockt werden, wenn das Geld nicht reicht, um alle berechtigten Ansprüche von Heimkindern zu befriedigen. Und die Hürden für die Antragsteller werden wohl vergleichsweise niedrig sein - es soll genügen, dass sie glaubhaft machen, dass sie bleibende seelische oder körperliche Schäden durch Schläge, Demütigungen oder sexuelle Gewalt im Heim davongetragen haben, dass ihnen Lohn oder Rentenzahlungen vorenthalten wurden. Ein Nachweis, der oft schwer zu beschaffen ist, ist damit nicht nötig, vielen Traumatisierten soll so eine erneute Traumatisierung erspart bleiben.

Andere Regelungen bleiben allerdings aus Sicht der Heimkinder unbefriedigend. Es wird keine pauschale Entschädigung geben, sondern Einzelfall-Hilfen; wie viele Heimkinder auf sie Anspruch haben oder sie in Anspruch nehmen werden, steht in den Sternen. 30000 bis 50000 der bis zu 700000 Kinder und Jugendlichen, die zwischen dem Kriegsende und den siebziger Jahren im Heim waren, haben bleibende Schäden davongetragen, schätzt man am runden Tisch. Und immer noch steht die offizielle Zustimmung des Bundes und der Länder zur Zahlung in der Fonds aus - einzig die evangelische und die katholische Kirche haben fest zugesagt, ihren Anteil zu zahlen. Vor allem die unionsgeführten Länder bleiben unsichere Kandidaten. Bayern hat erklärt, man werde erst entscheiden, wenn der Bundestag entschieden habe. "Die Länder müssen sich einen Ruck geben", sagt Djurovic, "viele Geschädigte warten auf das Geld, die Hilfe."

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Johannes Stücker-Brüning, spricht dagegen von einem "guten gemeinsamen Ergebnis", das die 22 Mitglieder des runden Tisches erzielt hätten. Die Kirchen, am Anfang der Beratungen als potentielle Verweigerer unter Verdacht, ernten am Ende Lob von den Heimkindern: "Da hat sich etwas bewegt", sagt Djurovic.

Am Freitag gegen Mittag erstarren alle Mitglieder am runden Tisch: Eine Frau überwindet die Sicherheitsvorkehrungen, steht auf einmal da, weint, will ihre Geschichte erzählen, wie sie litt, seit sie als Baby in ein Säuglingsheim kam. Ein Realitätsschock für ein paar Minuten. Dann wird die Frau sanft nach draußen begleitet.