Muslime in Frankreich Das Feindbild ist der Staat, nicht das Judentum

Hohe Vertreter französischer Muslime und Juden sind sich einig: Die Schandtat eines Einzelnen dürfe die Beziehung zwischen den Religionen nicht belasten. Ohnehin lehnt die Mehrzahl der Muslime in Frankreich den gewalttätigen Fundamentalismus ab. Nur Träumer können allerdings ignorieren, welche Probleme in den Vorstädten mit den afrikanischen Einwanderern herrschen.

Von Rudolph Chimelli

Gemeinsam standen Frankreichs Oberrabbiner Gilles Bernheim und der Rektor der ältesten Pariser Moschee Dalil Boubakeur am Mittwoch auf den Stufen des Élysées. Sie waren gerade von Präsident Nicolas Sarkozy empfangen worden und zeigten sich einig nicht nur in der Verdammung der Mordanschläge von Toulouse, sondern auch in der Warnung, die Beziehungen zwischen den Religionsgemeinschaften mit der Schandtat eines Einzelnen zu belasten. "Unsere Sorge, ein Amalgam zu vermeiden, knüpft die Bande zwischen der jüdischen und der islamischen Gemeinde enger", sagte Bernheim.

In Frankreich leben 600.000 Juden, mehr als in jedem anderen Land Westeuropas, gleichzeitig aber auch schätzungsweise fünf Millionen Muslime. Wenn immer sich die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern dem Siedepunkt näherten, befürchtete die Regierung, dass der Nahostkonflikt auf französische Vorstädte übergreifen könnte, wo die frustrierten Söhne nordafrikanischer Migranten den Ton angeben.

Dort besteht in der Tat ein "Amalgam" von sozialer Vernachlässigung, Suche nach Identität im Glauben und Kleinkriminalität - wie es auch an der Persönlichkeit des mutmaßlichen Mörders von Toulouse sichtbar zu werden scheint. Zu politischer Aktivität haben sich solche Stimmungen nur selten verdichtet, zu Terrorismus nur in Ausnahmefällen.

Die Mehrzahl der französischen Muslime hat wenig Sympathien für den gewalttätigen Fundamentalismus. Und in den integrierten sowie assimilationsbereiten Schichten der Diaspora findet die Polizei viele Helfer gegen dessen Ausbreitung. Ohne sie wäre wohl auch der Täter von Toulouse nicht so schnell eingekreist worden. So wie niemand in jenem US-Sergeanten, der 16 Afghanen tötete, den Vollstrecker des Willens der amerikanischen Nation sieht, so werden auch in Frankreich nur Spinner am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums den Toulouser Todesschützen als typischen Vertreter seiner Religionsgemeinschaft darstellen.

Nur Träumer allerdings können ignorieren, dass es ein Problem gibt. Seit drei Jahrzehnten hat jede französische Regierung mit Fanfarenklang einen großen Plan zur Sanierung der Vorstädte verkündet. Geändert haben sie alle nichts. Nach wie vor sind die Schuldefizite in der zweiten und dritten Generation der Einwanderer aus Nord- und Schwarzafrika gewaltig. Chronische Arbeitslosigkeit ist für viele der jungen Leute der Regelfall. Der Staat und seine Einrichtungen gelten unter ihnen als Feind - so wie einst bei den aufständischen algerischen Vorfahren das französische Militär. Die Unsicherheit ist in gewissen Vorstädten so groß, dass Geschäfte zusperren oder dass Ärzte, Krankenwagen, Feuerwehr und manchmal sogar die Polizei bestimmte Straßen meiden.

Das Beispiel der Harkis, der einheimischen Hilfstruppen, die an der Seite der Franzosen im Algerien-Krieg kämpften, ist nicht ermutigend. Soweit sie sich nach Frankreich retten konnten, um nicht von ihren befreiten Landsleuten als Verräter massakriert zu werden, wünschten sie sich nichts sehnlicher, als Franzosen zu werden. Aber noch ihre Enkel sind ungenügend integriert.

Immigrantensöhne pfiffen bei der Marseillaise

Bei einem großen Teil der "Beurs" - so werden die Nachkommen muslimischer Einwanderer aus Nordafrika genannt - ist die Bereitschaft viel geringer, sich voll mit dem Land zu identifizieren, in dem sie leben. Als es noch die Wehrpflicht gab, machten viele von der legalen Möglichkeit Gebrauch, in Algerien zu dienen. Bei einem Fußballspiel zwischen Frankreich und Algerien wurde vor einigen Jahren auf der Tribüne die Marseillaise von Immigrantensöhnen ausgepfiffen - ein nationaler Skandal, der ein Schlaglicht warf auf deren mangelnde Integration.

Es ist lange her, dass es in Frankreich ein antisemitisches Attentat gab. Und Antisemitismus in seiner klassischen Form - jenseits von islamistischem Terror - ist ohnehin nicht mehr salonfähig, als gedankliches Konzept für die junge Generation oft unverständlich. Wie in anderen Ländern, so gibt es auch in Frankreich antisemitische Stimmungen oder individuelle Entgleisungen. Einige tausend französische Juden sind während des vergangenen Jahrzehnts nach Israel ausgewandert. Die Zahl der Rückwanderer dürfte nicht geringer sein.

Wie das politische Frankreich nun mit den Attentaten umgeht, und welche Auswirkungen sie auf den Präsidentschaftswahlkampf haben, muss sich erweisen. Präsident Nicolas Sarkozy jedenfalls warnte vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus; und auch der Rektor der Großen Moschee in Paris, Dalil Boubakeur, erinnerte daran, dass man Menschen wie den mutmaßlichen Attentäter nicht in einen Topf werfen dürfe mit dem muslimischen Glauben, der "zu 99 Prozent friedlich, gewaltfrei und gut integriert" sei.