"Wenn wir alles auf die Neonazis schieben, verorten wir das Problem nur am politischen Rand." Die Analyse von Aiman Mazyek geht tiefer. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland hat auch Politically Incorrect im Blickfeld. Im SZ-Gespräch fordert er die Beobachtung von Rechtspopulisten durch den Verfassungsschutz - ebenso wie von radikalen Islamisten.
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ist einer der wichtigsten islamischen Dachverbände der Bundesrepublik. Ihr Vorsitzender Aiman Mazyek trifft sich regelmäßig mit deutschen Sicherheitsbehörden, um über Extremismus zu beraten.
Bild vergrößern
"Die Gefahr durch Islamisten ist übertrieben worden": Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. (© dpa)
Anzeige
SZ: Wenn es um die Folgen des Neonazi-Terrors geht, sprechen Sie weniger vom Rechtsextremismus als vom Kampf gegen den Rassismus - warum?
Mazyek: Ich betone die Rolle des Rassismus, weil ich das Thema bei der Wurzel packen will. Wenn wir alles auf die Neonazis schieben, verorten wir das Problem nur am politischen Rand. Damit beruhigen wir unser Gewissen, ignorieren aber, dass versteckter und offener Rassismus in das bürgerliche Milieu eingedrungen ist. Das haben wir unterschätzt. Dieser landläufige Rassismus aber hat entscheidend dazu beigetragen, dass viele Rechtsextremisten nicht so schlimm finden und bei ihren Taten wegschauen.
SZ: Relativieren Sie mit der Betonung des Rassismus nicht die Taten der Neonazis? Sie verwischen die Grenzen.
Mazyek: Dies hat man bisher von der anderen Seite gemacht, indem man die Gefahr durch Islamisten übertrieb, während der Nazi-Terror im Schatten dieser Auseinandersetzung wütete, und Rechtsextreme versuchen, unsere Gesellschaft zu unterwandern.
SZ: Was schlagen Sie vor?
Mazyek: Wir müssen uns im Klaren sein, dass die Grenzen zwischen Rechtspopulisten und Rechtsradikalen fließend sind. Das eine kann dem anderen den Weg bereiten. Rechtspopulisten schüren gerne die Angst vor dem Islam, die daraus resultierende Islamfeindlichkeit nutzen Neonazis als Eintrittskarte ins bürgerliche Milieu.
SZ: Soll der Verfassungsschutz nun auch rechtspopulistische Gruppen und Islamkritiker beobachten? Wo ziehen Sie dann die Grenze, welche Meinung noch unverdächtig ist?
Mazyek: Wer Hass sät und über Islamkritik plumpen Rassismus transportiert, der vertritt keine Meinung, sondern begeht ein Delikt. Gegen Kritik hat niemand was. Aber es gibt kein Recht auf Verbreitung rassistischer Ideologie, aber genau das tun hetzerische Internetseiten wie Politically Incorrect oder Nürnberg 2.0. Sie müssen vom Verfassungsschutz endlich offiziell beobachtet werden. Wenn muslimische Extremisten sich ähnlich radikal äußern, wären sie längst im Visier der Sicherheitsbehörden - zu Recht.
SZ: Die Server dieser Seiten stehen meist im Ausland und fernab der deutschen Justiz. Wie wollen Sie dagegen vorgehen?
Mazyek: Wir fordern schon lange eigene Ermittlungseinheiten gegen Delikte wie Volksverhetzung und Bedrohung, die mit Hilfe dieser Seiten initiiert werden. Die Hetze auf diesen Seiten stachelt Menschen regelmäßig dazu an, Hassmails und Mordaufrufe zu verbreiten. Sie werden nicht in Übersee geschrieben, sondern in Deutschland; sie richten sich gegen islamische Vertreter, aber auch gegen Wissenschaftler und Politiker.
SZ: Denken Sie an eine Art Ermittlertruppe, wie sie einzelne Landeskriminalämter im Kampf gegen Kinderpornographie eingerichtet haben?
Mazyek: Ja, bisher verlaufen die Ermittlungen allzu oft im Sande, weil Instrumente und hochkompetente Internet-Ermittler fehlen. Der Bundesinnenminister hat uns nun zugesagt, er wolle in der neu einzurichtenden Zentralstelle gegen Rechtsextreme für Abhilfe sorgen.
SZ: Was halten Sie vom Einsatz von V-Leuten?
Mazyek: Es ist eines unter vielen Mitteln, um Verfassungsfeinde aufzuspüren, aber es muss klaren Regeln unterliegen und kontrollierbar bleiben. Das hat im Kampf gegen den rechtsextremistischen Terror nicht funktioniert - und droht auch anderswo zu scheitern.
SZ: Wo denn?
Mazyek: Ich nehme stark an, dass es auch unter den radikalislamischen Salafisten V-Leute gibt. Hier gilt jetzt höchstes Augenmaß, damit wir nicht die gleichen Fehler wie beim Rechtsextremismus machen und am Ende mit Staatsgeld dieses Milieu mitfinanziert und aufgebaut wird.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Zentralrat der Muslime RSS
- Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer Deckname "Pistole" 05.12.2011
- Kampf gegen rechten Terror "Mörder zündeln nicht, die fackeln ab" 05.12.2011
- Zwickauer Terrorzelle Brief schürt Spekulationen über Spitzeltätigkeit Zschäpes 03.12.2011
- Beginn des Ramadan: Tipps Hungern, Beten, Helfen 01.08.2011
- Gipfel gegen islamistische Gewalt Zentralrat warnt vor Generalverdacht gegen Muslime 24.06.2011
(SZ vom 05.12.2011/lala)
Stockender Kita-Ausbau
Mal ehrlich: wer die Artikel auf "Politically Incorrect" "nur etwas reißerisch" findet, den hat der Virus des alltäglichen Rassismus doch schon infiziert! Was dort abgeht, ist beinharte rechte Hetze, in zynisch konservativ-bürgerlichem Ton. "Die Grenzen sind fließend" - da hat Herr Mazyek schon recht und leider gibt es seit langem wieder einen Extremismus der Mitte (siehe Heitmeyer). Leider diskutieren hier schon wieder Einige über den Islam, um nicht über das eigentliche Thema - nämlich Rassismus - diskutieren zu müssen.
Ich werde den Gedanken nicht los, dass hier ein paar rechte Foren-Trolle herumgeistern ...
In Köllle ist Mazyek als verkappter Islamist bekannt. Deshalb wundert es mich, dass die SZ, ihn nach Rassismus und Hass fragt. Wer Hass sät, das kann unter anderem auf der Internetseite "muslim-markt.de" bestaunen. Juden kommt dort sehr schlecht weg, man kann auch sagen: man wünscht ihnen - das Schlechteste.
"Mazyek: Wer Hass sät und über Islamkritik plumpen Rassismus transportiert, der vertritt keine Meinung, sondern begeht ein Delikt. Gegen Kritik hat niemand was. Aber es gibt kein Recht auf Verbreitung rassistischer Ideologie, aber genau das tun hetzerische Internetseiten wie Politically Incorrect oder Nürnberg 2.0. Sie müssen vom Verfassungsschutz endlich offiziell beobachtet werden. Wenn muslimische Extremisten sich ähnlich radikal äußern, wären sie längst im Visier der Sicherheitsbehörden - zu Recht."
Schon merkwürdig, dass gerade der Saubermann mit Anzug und Schlips nichts dazu einfällt, aber dafür umso mehr auf Andere zeigt.
KHJ aus Köln
Ich finde es reichlich unpassend, Personen wie Mazyek mit derartigen Interviews eine kritiklose Plattform zum Verbreiten ihrer kruden Ansichten zu liefern. Insbesondere die alten Märchen über die Internetseite Politically Incorrect hätten nicht kommentarlos widergegeben werden dürfen – ein Mindestmaß an sauberer journalistischer Arbeit muss schon sein. Die dort verbreiteten Berichte sind zwar meist reißerisch aufgemacht, hinsichtlich der Fakten allerdings bekanntermaßen belastbarer als so mancher Artikel in der sog. Qualitätspresse.
Das Problem ist, dass der Zentralrat der Muslime einige Probleme vor der eigenen Haustür hat - oder besser: im eigenen Haus - um die er sich erstmal kümmern sollte. Solange knapp die Hälfte seiner Mitgliedsverbände selbst vom Verfassungschutz beobachtet werden (insb. wegen der Nähe zur radikalislamischen Muslimbruderschaft) klingt der Verweis auf die Salafiten eher wie der Versuch, unliebsame Konkurrenz in der Islamisten-Szene auszuschalten...
So wie sie ihre Frage gestellt hatten, so werden sie auch keine Antwort erwarten duerfen. Sie muessen schoen Duckmaeuserisch und untertaenigst Anfragen. Auch den politischen Mainstraem muess dabei beruecksichtigt werden. Uebrigens kenne ich einige Muslime, die sehen die Sache mit der Religion genau so wie die meissten Christen auch. Das ist jeden seine eigene Sache, wie er das macht, das eine ist der Glaube, dass andere das Leben.
Paging