Missbrauch in der katholischen Kirche Angst vor der ganzen Wahrheit

Das gemeinsame Projekt liegt in Trümmern - und niemand will Schuld daran haben: Katholische Kirche und Forscher streiten sich über die wissenschaftliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Die größten Verlierer des Streits stehen jedoch schon fest: die Opfer, die wohl noch viele Jahre auf Antworten warten müssen.

Von Roland Preuß

Der Wille war da, daran gibt es keinen Zweifel, damals im Sommer 2011. "Wir wollen auch der Wahrheit, die möglicherweise noch unentdeckt in Akten vergangener Jahrzehnte liegt, auf die Spur kommen", sagte Bischof Stephan Ackermann, der Missbrauchs-Beauftragten der Deutschen Bischöfe vor Journalisten in Bonn. Man wolle mithilfe "unabhängiger Experten" besser verstehen, wie es zu sexuellem Missbrauch durch Kirchenmitarbeiter kommen konnte - und wie dies künftig zu verhindern sei.

Neben ihm schwärmte der Kriminologe Christian Pfeiffer von "Tiefenbohrungen" in Kirchenarchiven. Für beide Seiten schien es jetzt optimal zu laufen: Die von Missbrauchsskandalen erschütterte katholische Kirche zeigte ihren Willen zur schonungslosen Aufklärung, der Kriminologe Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), hatte ein spannendes Forschungsprojekt über 450.000 Euro eingefädelt.

Jetzt, eineinhalb Jahre später, liegt das gemeinsame Projekt in Trümmern, und die Beteiligten streiten sich wie ein frisch getrenntes Ehepaar, das gerade den gemeinsamen Hausrat in Stücke geschlagen hat. Der Kampf um die öffentliche Deutung des Scheiterns hat begonnen. Daneben aber ist es ein schwerer Rückschlag für die Aufklärung des sexuellen Missbrauchs durch Priester und andere Kirchenmitarbeiter. Womöglich wird die Öffentlichkeit nun nie ein umfassendes Bild über den Missbrauch in deutschen Diözesen gewinnen.

Wie viele Fälle gibt es seit 1945? Fand der Missbrauch eher im Pfarrhaus oder auf Jugendfreizeiten statt? Wie gehen die Täter vor ihrem ersten Kuss oder Griff unter die Gürtellinie typischerweise vor? Wie hat die Kirche reagiert, als sie davon erfuhr? Und was kann man daraus für die Zukunft lernen, um solche Taten zu verhindern? Diese Fragen und einige mehr sollten die Forscher beantworten - und so mitunter lebenslanges Leid künftiger Opfer verhindern.

Die KFN-Studie war das Kernstück der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Dementsprechend aufwendig war sie angelegt: In neun der 27 Diözesen sollten sämtliche Personalakten seit Kriegsende auf Missbrauchsfälle durchforstet werden, in den übrigen Diözesen für die Jahre 2000 bis 2010. Betroffene sollten Fragebögen ausfüllen, zudem waren zusätzlich Interviews mit Opfern und Tätern geplant.

Seit den Verfahren gegen den Philosophen und Astronomen Galileo Galilei wird der Kirche ein schwieriges Verhältnis zur Wissenschaft nachgesagt. Doch dies ist kein Konflikt über wissenschaftliche Erkenntnisse wie es die Astronomie und das Weltbild im Fall Galileo waren. Dies ist eine Geschichte über Offenheit und Aufklärungswillen - und darüber, wie weit man sich Außenstehenden hierfür ausliefert.

Am besten betrachtet man den Fall KFN gegen die Kirche von Anfang an. Im Juli 2011 unterzeichneten Professor Pfeiffer und der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) - mit seinem Geschäftsführer Pater Hans Langendörfer als Vertreter der deutschen Bischöfe - den Vertrag über das Projekt. Es ist ein Standard-Vertrag des Instituts. Die Forscher versprechen darin, den Datenschutz zu achten, in die Kirchenarchive dürfen nur pensionierte Richter oder Staatsanwälte, sie reichen die anonymisierten Daten an die Wissenschaftler weiter. Die Kirche wird fortlaufend informiert, Zwischenergebnisse dürfen nicht veröffentlicht werden. Der Verband der Diözesen hat das Recht, die Ergebnisse als erster öffentlich zu präsentieren - und damit zu interpretieren. Erst acht Wochen später sollten die Wissenschaftler frei sein, ihre Ergebnisse zu publizieren.