Landtagswahl Nordrhein-Westfalen Röttgen allein im roten Wahlkreis

Wer Landesvater werden will, braucht ein Landtagsmandat. So will es die Verfassung von Nordrhein-Westfalen. Überraschend ist deshalb, dass sich CDU-Spitzenkandidat Norbert Röttgen keinen sicheren Wahlkreis ausgesucht hat. Sondern einen, in dem sich sein SPD-Konkurrent bereits freut.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Wer Bonn kennt, der kennt Bernhard "Felix" von Grünberg. Der Anwalt gehört praktisch zum Inventar der ehemaligen Bundeshauptstadt. Das liegt auch an seiner Profession: das Mietrecht. Seit 1971 hält er Woche für Woche eine kostenlose Sprechstunde für Mieter im Alten Rathaus der Stadt Bonn ab. So manche seiner Wähler dürften sich schon über einen guten Rat von ihm gefreut haben. Grünberg sitzt mit einem Direktmandant des Wahlkreises Bonn I im Landtag. Nicht unwichtig in diesem Zusammenhang: Von Grünberg sitzt dort für die SPD.

Norbert Röttgen im Bundestag: Um Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen zu werden, braucht er ein Landtagsmandat. So will es die Verfassung.

(Foto: dpa)

Früher hätte die CDU in diesem Wahlkreis einen Besenstiel aufstellen können, er wäre gewählt worden. Das ist längst nicht mehr so. Grünberg hat 2010 den Wahlkreis mit 39,8 Prozent der Erststimmen gewonnen. Seine Gegenspielerin von der CDU war mit sechs Prozentpunkten Abstand nahezu chancenlos.

Jetzt bekommt Lokalmatador Grünberg einen prominenten Herausforderer: Kein Geringerer als Bundesumweltminister Norbert Röttgen, Spitzenkandidat und Landeschef der NRW-CDU will ihm seinen Wahlkreis abspenstig machen. Wobei an der Sache mit dem "wollen" durchaus Zweifel aufgekommen sind. "Dass der Bundesumweltminister hier und nicht im Rhein-Sieg-Kreis kandidiert, zeigt, wie wohl er sich offenbar in Berlin fühlt", frotzelt Grünberg. Röttgen hält dagegen, der Wahlkreis sei "absolut gewinnbar".

Seit Tagen steht Röttgen in der Kritik, weil er nicht klar sagen will, ob er nach der Neuwahl am 13. Mai auf jeden Fall in NRW bleibt oder nur für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass er Ministerpräsident wird. Halbherzigkeit werfen ihm auch Parteifreunde vor. Manche verstehen die Welt nicht mehr. Die wichtigste aller Landtagswahlen ist seit jeher die in NRW. Knapp 18 Millionen Menschen leben da, mehr als in manchen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Und da will der Spitzenkandidat der CDU womöglich lieber in Berlin bleiben, wenn es zum Regierungschef nicht reicht?

In früheren Interviews hatte Röttgen versprochen, er werde mit Haut und Haaren für NRW streiten. Der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung sagte Röttgen 2010: "Es entspricht nicht meinem Politikverständnis, mir pausenlos den Kopf darüber zu zerbrechen, was taktisch für mich gerade von Vorteil sein könnte. Ich stelle mich der wichtigen Aufgabe, die nordrhein-westfälische CDU zu führen. Da ist es selbstverständlich, auch für die Spitzenkandidatur bei der nächsten Landtagswahl und als Ministerpräsident oder Oppositionsführer zur Verfügung zu stehen."

Bisher deutet alles darauf hin, dass ihn sein Geschwätz von 2010 nicht mehr interessiert. Dazu passt auch seine Entscheidung für den Wahlkreis Bonn I. Röttgen lebt nämlich im benachbarten Rhein-Sieg-Kreis. Dort wäre im "Rhein-Sieg-Kreis I" ein komfortables Direktmandat zu holen. Die vergangenen drei Wahlen und alle Wahlen bis 1985 hat immer die CDU gewonnen. Zuletzt hat 2010 der ehemalige Generalsekretär der NRW-CDU, Andreas Krautscheid, das Mandat geholt - mit 41,9 Prozent der Erstimmen. Als Bundestagsabgeordneter hat Röttgen selbst 2009 den Wahlkreis Rhein-Sieg-II gewonnen - mit mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Um Ministerpräsident werden zu können, wird Röttgen nicht umhinkommen, einen Sitz im Landtag zu bekommen. Die Verfassung will es so. Normalerweise sind Spitzenkandidaten mit dem ersten Platz auf der Landesliste gut abgesichert. Röttgens Problem: Sowohl 2005 als auch 2010 hat die Landesliste der CDU gar nicht gezogen. Wer kein Direktmandat geholt hat, der war schlicht nicht im Landtag vertreten. Das geschieht dann, wenn eine Partei besonders große oder mit einer zweiten Partei etwa gleich hohe Stimmanteile hat.

Für den nicht ganz unwahrscheinlichen Fall also, dass das Bonner Urgestein Bernhard von Grünberg seinen Wahlkreis auch diesmal gewinnt und SPD und CDU wie erwartet in etwa gleichauf aus der Wahl hervorgehen, kann Röttgen noch so sehr Ministerpräsident werden wollen: Ohne Mandat geht das nach der Landesverfassung nicht.