Lage auf der Krim "Aggressiv, abwartend - und teilweise paranoid"

Antirussische Demonstration ukranischer Frauen vor einer russischen Militärbasis auf der Halbinsel Krim.

(Foto: dpa)

Wie ist die Stimmung auf der Krim? Bestehen die "Bürgerwehren" aus bezahlten Provokateuren? Tendieren die russischstämmigen Bewohner zur Abspaltung von der Ukraine? Antworten auf wichtige Fragen zur Krim-Krise.

Von Tim Neshitov, Simferopol

SZ-Redakteur Tim Neshitov ist auf der Halbinsel Krim unterwegs, recherchiert unter anderem in der Garnisonsstadt Sewastopol und der Regionalhauptstadt Simferopol. Für SZ.de beantwortet er wichtige Fragen zur Krise in der Ukraine.

Wie ist die Stimmung auf der Krim?

Aggressiv, abwartend - und teilweise paranoid. Die Menschen sind schlecht informiert und haben Angst vor Provokateuren. Sie verhalten sich sehr emotional, wie das Beispiel einer Demonstration in der Hauptstadt Simferopol zeigt, die sich seit heute Vormittag vor einer belagerten Kaserne abspielt, in der sich ukrainische Einheiten befinden. Da sind Frauen, die Plakate hochhalten, auf denen steht "Frieden" und "Liebe". Sie werden angepöbelt und sogar geschlagen. Andere Plakate fordern: "Putin weg" und "Die Faschisten werden hier nicht durchmarschieren".

Warum ist Faschismus ein Kampfbegriff in der Ukraine-Krise?

Das liegt zum einen an Stepan Bandera, einem ukrainischen Nationalisten, der mit den Nazis kollaboriert hatte. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er gemeinsam mit der Wehrmacht und der Waffen-SS gegen die sowjetischen Truppen. Bandera gilt auch heute für ukrainische Nationalisten als Held, in Russland, aber auch Polen und Israel gilt er als Verbrecher. Auf der anderen Seite ist der Kampf der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg identitätsstiftend. Also kurz: der Antifaschismus.

Was ist inzwischen bekannt über die Kämpfer, die seit Tagen wichtige Punkte auf der Krim besetzt halten?

Es scheint zwei Beweise dafür zu geben, dass es sich um russische Soldaten handelt. In einem Fall hat ein Lokaljournalist in Kertsch eine Einheit gefilmt und dabei angesprochen. Einer verplappert sich und sagt, sie seien Russen. Außerdem hat einer der Soldaten vergessen, ein Schildchen mit Identifikationsangaben rechtzeitig von der Uniform zu entfernen. Er wurde fotografiert und so konnten sein Name und sein russischer Garnisonsort festgestellt werden.

Es gibt aber auch "Bürgerwehren" auf der Krim. Handelt es sich dabei um bezahlte Provokateure?

Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, für Geld auf die Straße zu gehen. Es kursieren Fotos von zwei Frauen, die auf Demonstrationen sowohl in Donezk als auch in Odessa fotografiert wurden. Bald tauchen sie wohl auf der Krim auf, spotten die Leute hier. Aber ich bezweifele, dass sich der Vorwurf verallgemeinern lässt. Es gibt tatsächlich Menschen, die aus voller Überzeugung agieren. Die einen fürchten, dass sich in Kiew ein nationalistisches Regime installiert und alles Russische bekämpft - so wie es Bandera vor 70 Jahren wollte. Deshalb rufen sie nach Hilfe aus Moskau. Die anderen haben Angst vor russischer Dominanz, weil der Kreml in der Sowjetzeit gegen sie vorgegangen ist. Viele tatarische Familien etwa haben ihre Koffer gepackt und bereiten ihre Flucht in die Westukraine vor.

Tendieren die russischstämmigen Bewohner der Krim zur Abspaltung von Kiew?

Die wenigsten wollen, dass die Krim Russland angegliedert wird. Einige plädieren für mehr Autonomie von Kiew, manche wollen die Unabhängigkeit der Krim. Vor allem aber wollen sie beschützt werden vor möglichen Pogromen. Denn die Menschen bilden sich ein, dass die neuen Machtverhältnisse in Kiew zu einer Verfolgung von Russen führen könnten. Die wenigsten mögen den entmachteten Präsidenten Viktor Janukowitsch, auch wenn er russischfreundlich ist. Die Russen auf der Krim nennen ihn korrupt, dennoch sei er aber der legitime Präsident des Landes. Die Revolutionäre seien weder gewählt, noch würden sie eine Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung vertreten.

Die Fragen stellte Oliver Das Gupta.