Krise in Mali Chaos in Afrikanistan
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Im Norden Malis haben Islamisten die Macht übernommen. Sie lassen unverschleierte Frauen auspeitschen, zerstören Heiligengräber und wollen im ganzen Land die Scharia durchsetzen. Der Ruf nach einem militärischen Eingreifen in dem nordafrikanischen Land wird immer lauter.
Jetzt gestehen sie ein, dass das Ganze wohl doch etwas zu kurz gedacht war: Die Tuareg-Rebellen, die im Norden Malis einen unabhängigen Staat namens "Azawad" ausgerufen haben, sehen sich inzwischen von den Islamisten derart in die Ecke gedrängt, dass zumindest einige verkünden, ihre separatistischen Ziele fallen zu lassen. Man fordere jetzt, wie ein Sprecher erklärt, nur noch "kulturelle, politische und wirtschaftliche Autonomie".
Im März wurde Präsident Amadou Toumani Touré weggeputscht. Ins Machtvakuum drangen Rebellen mit zweifelhaften Verbündeten.
(Foto: AFP)Mit jedem Tag, der verstreicht, spitzt sich die Krise im Norden Malis zu. Etwa 300.000 Kinder können nicht mehr zur Schule gehen, mindestens 175 minderjährige Jungen sind für Kampftruppen rekrutiert worden, mindestens acht Mädchen vergewaltigt oder missbraucht - das sind Zahlen, die das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen kürzlich präsentiert hat, mit dem Zusatz, man kenne derzeit nur einen schmalen Ausschnitt aus dem Geschehen.
In den bitterarmen Nachbarländern Niger und Mauretanien füllen sich die Flüchtlingslager; mehr als 330.000 Menschen sollen bereits ihre Heimat im Norden Malis verlassen haben, das ist, um die Größenordnung zu verdeutlichen, als wäre ganz Bonn auf der Flucht. Jetzt verschlimmern obendrein Dürren und Ernteausfälle die Lage; der stellvertretende UN-Generalsekretär Jan Eliasson warnt: "Die Welt muss aufwachen und das anhaltende humanitäre Desaster erkennen, bei dem 18 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind."
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Als wesentlicher Auslöser für die Krise - manche Beobachter sprechen inzwischen von "Afrikanistan" - gilt der Krieg in Libyen: Nach dem Sturz des dortigen Regimes sind Tuareg, die Gaddafi als Söldner gedient hatten, bepackt mit reichlich Waffen in ihre malische Heimat zurückgekehrt, um im Norden des Landes für Autonomie zu kämpfen. Daraufhin haben junge malische Generäle im März den Präsidenten Amadou Toumani Touré weggeputscht - mit der Begründung, er tue zu wenig, um den Tuareg-Kämpfern Einhalt zu gebieten. Das Machtvakuum, das sich so auftat, nutzten die Rebellen erst recht, um die Kontrolle über den Norden des Landes an sich zu reißen - in zweifelhafter Allianz mit islamistischen Gruppen. Wenig später kaperten die Islamisten die Revolte und schlugen die säkularen Tuareg-Kämpfer in die Flucht; inzwischen sind alle größeren Städte des Nordens unter ihrer Kontrolle.
Hier und da flackern Proteste von Einheimischen gegen die Scharia-Terroristen auf, etwa in der Stadt Goundam, wo einige Hundert Bewohner vergangenen Freitag wütend auf die Straße gegangen sein und das Hauptquartier der Islamisten angegriffen haben sollen. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte offenbar die Auspeitschung einer jungen Frau, die unverschleiert an einen Brunnen zum Wasserholen gegangen war - dabei soll das Baby, das sie im Arm trug, zu Boden gefallen sein. Als Strafe für die Protestaktion wiederum sollen die religiösen Extremisten etwa 90 weitere Menschen ausgepeitscht haben.