Krieg in Gaza Die widersprüchlichen Signale der Terroristen

Hamas weiß, dass sie den Krieg gegen Israel nicht gewinnen kann - ob sie aber Frieden will, lässt die Führung offen.

Von Tomas Avenarius

Israels Forderungen für ein Ende der Kämpfe im Gaza-Streifen sind klar: Ein Ende des Raketenbeschusses und des Waffenschmuggels, keine Hamas-Kontrolle über das Gebiet und ein unbegrenzter Waffenstillstand. Von der Hamas hingegen kommen widersprüchliche Signale. Vize-Chef Moussa Abu Marzouk sagte, der ägyptische Waffenstillstandsplan sei in den Grundzügen akzeptabel.

Hamas fordere aber den israelischen Abzug aus Gaza, einen zeitlich klar begrenzten Waffenstillstand und das Ende der israelischen Wirtschaftsblockade. Die ägyptischen Vermittler beschreiben das Hamas-Dilemma so: "Sie müssen endlich ja sagen zu dem Plan. Aber sie sind in einer schwierigen Lage. Militärisch sind die Militanten nicht so stark, wie sie angekündigt hatten. Und politisch gehen sie am Zügel ihrer Sponsoren."

Will heißen: Hamas weiß, dass sie den Krieg militärisch nicht gewinnen kann. Die Miliz könnte ihn aber aussitzen. Und so ihre eigenen Ziele und die ihrer Bundesgenossen in Teheran und Damaskus erreichen. Was wirklich innerhalb der Hamas-Führung vorgeht, ist unklar. Die in Syrien sitzende Auslandsführung unter Khaled Meshal äußert sich unnachgiebig. Die Hamas-Fraktion in Damaskus ist stärker dem Druck ihrer Förderer ausgesetzt: Syrer, Iraner und die libanesische Hisbollah-Miliz.

Ablenkung vom Iran und von der Hisbollah

Diese wollen, dass Israel seine militärischen und politischen Ziele im Kampf gegen Hamas nicht erreicht. Iran kommt der Gaza-Krieg gelegen: Er lenkt vom Teheraner Atomprogramm ab. Die Hisbollah hat getrommelt, sie werde der Hamas zu Hilfe kommen. Sie tut es nicht: Eine zweite Front gegen Israel und damit ein Krieg im Libanon würde ihre innenpolitische Position schwächen.

Der Gaza-Konflikt lenkt das internationale Interesse von Hisbollah ab. Syrien will zeigen, dass es die Hamas als Druckmittel auf Israel hat. Die Interessen dieser drei Spieler machen es dem Hardliner Meshal noch schwerer, über Frieden zu reden.

Die Hamas-Führer in Gaza leben im Untergrund. Premier Ismail Hanija hat in TV-Botschaften angedeutet, er wolle einen Waffenstillstand. Der moderate Hanija ist aber der schwächste Hamas-Führer. Hardliner Mahmud Zahar sendet keine versöhnlichen Signale. Noch wichtiger sind die Militärführer. Sie wollen, dass ihre Miliz "ungeschlagen" aus dem Krieg hervorgeht und das Durchhalten wie 2006 die Hisbollah im Libanon als "göttlichen Sieg" verkaufen kann.

Neben den Opfern innerhalb Zivilbevölkerung muss Hamas am Ende aber auch politisch etwas vorweisen, um ihre Macht zu erhalten. Ein Stopp der Wirtschaftsblockade wäre dieser Erfolg. Daher will Hamas Mitsprache bei der Kontrolle der Rafah-Grenze nach Ägypten. Eine internationale Beobachtertruppe ist dabei nicht in ihrem Interesse: Es würde den Waffenschmuggel erschweren.

Die militärische Lage ist ebenso undurchschaubar. Niemand außer den palästinensischen Führern weiß, wie hart die Islamisten-Miliz getroffen wurde. Israels Armeeführung äußert sich nur sehr vorsichtig. Generalstabschef Gabi Ashkenazy sagte, man habe die Gruppe "hart getroffen, was ihre militärische Stärke, ihre Infrastruktur und ihre Herrschaft angeht. Aber es ist noch Arbeit zu tun". Armee-Angaben über getötete Militante bewegen sich bei mehreren hundert Mann. Dies erscheint nach mehr als zwei Wochen Krieg als wenig: Die Miliz hat mindestens 10.000 Untergrundkämpfer.

Kritik ist unter dem Hamas-Regime lebensgefährlich

Offen ist auch, wie viele Waffenlager zerstört wurden. Die Zahl der auf Israel abgeschossenen Raketen ist zwar von täglich bis zu 80 auf etwa 20 Abschüsse gefallen. Dass die mobilen Hamas-Raketeneinheiten sich wegen des Vordringens israelischer Bodentruppen wenig Bewegungsfreiheit haben, heißt aber nicht, dass die Depots leer sind. Ein Teil der Geschosse wird selbst gebaut und nicht durch Tunnel ins Land gebracht. Der israelische Geheimdienst analysierte, die Hamas-Fähigkeit zum Raketenbeschuss Israels bleibe nach fast zwei Wochen Bombardements des Palästinensergebiets weitgehend erhalten.

Und die Bevölkerung? Es gab vor dem Krieg Kritik, angesichts der israelischen Wirtschaftsblockade die wirtschaftliche Versorgung zu garantieren. Aber Kritik ist unter dem Hamas-Regime lebensgefährlich. Und die Erfahrung zeigt, dass israelische Attacken stets zur Radikalisierung geführt haben. Der ehemalige UN-Generalsekretär, der Ägypter Butros Butros Ghali meinte: "Die Kinder, deren Eltern und Geschwister heute sterben, sind die Führungsgeneration der Palästinenser von morgen. Wie werden sie sich nach diesen Erlebnissen wohl verhalten?"