Kolumne Trauma

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

In jeder Familie Europas steckt ein Stück Krieg. Wer dem Terror mit militärischer Gewalt begegnen will, sollte das bedenken.

Von Carolin Emcke

In einer Passage in seinem grandiosen Roman "Das Rätsel der Rückkehr" erörtert der haitianische Schriftsteller Dany Laferrière die literarischen Obsessionen verschiedener Regionen der Welt: welche Themen und Motive ziehen sich traditionell durch die Romane und Erzählungen einer Kultur? Von welchen Fragen, von welchen Phänomenen können sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht lösen? Was schreibt sich als gesellschaftliche Erfahrung ein in ihre Texte und wird weitergereicht als kulturelles Erbe an die nachfolgenden Generationen? In der nordamerikanischen Literatur, so Dany Laferrière, sei es die Weite, die alle obsessiv in ihren Bann zieht, in der südamerikanischen Literatur: die Zeit, in der haitianischen: der Hunger und in Europa, in der europäischen Literatur sei es der Krieg.

Stimmt das noch? Ist der Krieg noch der zentrale Topos nicht nur der europäischen Literatur, sondern des kulturellen Selbstverständnisses Europas? Ist der Krieg nach wie vor der dominante historische Referenzpunkt, auf den sich gegenwärtige politische Diskurse in Europa beziehen? Oder ist der Krieg längst aus dem Bezugsrahmen der jüngeren europäischen Generationen verschwunden, weil sie keine konkreten Erfahrungen mehr damit verbinden?

Die unbedarfte Leichtmütigkeit, mit der in diesen Wochen nach den Anschlägen von Paris von Krieg gesprochen wird, suggeriert eher, kaum jemand sei sich bewusst darüber oder erinnere sich noch daran, was das bedeute: Krieg. Als ob Krieg nur noch als etwas gedacht würde, das weit weg vor unserer Zeit oder jenseits unserer Grenzen stattfinde. Die rhetorische und politische Eskalation, die einen unkontrollierbaren Krieg bald mehr heraufbeschwört, als ihn vermeidet, suggeriert eher, niemand wisse mehr von den Verwerfungen und Versehrungen, die jeder Krieg, auch der gut gemeinte, generiert.

Mein Vater verstellte auch als Erwachsener noch den Sender, bevor er das Radio ausschaltete

Dabei war der Krieg immer präsent, auch im sogenannten Nach-Krieg. Nicht nur im parlamentarischen oder außerparlamentarischen Diskurs der bundesdeutschen "Nie wieder Krieg"-Generation, sondern auch in jenem kulturellen Raum, der sich in privaten familiären Erzählungen öffnet. Der vergangene Krieg war nie vergangen, sondern wurde gerade da gegenwärtig, wo er angestrengt verdrängt und beschwiegen wurde. Der Krieg zeigte sich nachträglich in all jenen Lücken und Brüchen der Geschichten der Väter und Großväter, der Mütter und Großmütter, in jenen rätselhaften Reflexen und Ritualen, für die es keine ausgesprochenen Erklärungen gab.

Mein Vater verstellte auch als Erwachsener noch den Radiosender, bevor er das Gerät ausschaltete. Hätte man ihn nach dieser habituellen Geste gefragt, er hätte nicht einmal gewusst, dass er sie noch hatte, die anerzogene Angst des Kriegs-Kindes, beim "Feindsender"-Hören ertappt zu werden. So wie er nicht hätte erzählen können oder wollen, warum er es in geschlossenen Räumen nicht aushielt, warum bei uns zu Hause alle Fenster auch im Winter aufgerissen waren und er sich draußen sicherer zu fühlen schien als drinnen. Diese nur nach und nach zu dechiffrierenden psychischen Spuren des Krieges gab und gibt es in vielen deutschen und europäischen Familien, selbst wenn sie sich existenziell unterscheiden durch ihre Rolle oder Position im Krieg, durch die Grade an Schuld oder Leiden, die sie auf sich geladen oder erduldet haben.

Aber der Krieg ist nicht nur dieser eine, sondern es gibt viele, innerhalb und außerhalb Europas, die die europäischen Einwanderungs-Gesellschaften, seine unterschiedlichen Milieus und Gemeinschaften, geprägt haben. Es sind nicht nur der Zweite Weltkrieg und die Shoah, die für viele die moralisch-politische Textur der europäischen Verfasstheit definieren, sondern zu Europa gehören eben auch die kolonialen Kriege und ihre Spätfolgen, die Geschichten aus Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten, die Bürgerkriege in Nordirland oder im ehemaligen Jugoslawien (um nur einige herauszugreifen). Sie alle bilden die vielfältigen Erfahrungsschichten der Menschen. Das private, familiäre Wissen vom Krieg ist tiefer und gegenwärtiger, als es im öffentlichen europäischen Diskurs eingestanden oder anerkannt wird.

"Politik wird nicht danach beurteilt, mit was sie beginnt, sondern zu was sie führt."

Schon dieses historische Erbe müsste die europäischen Gesellschaften wappnen vor der eilig-fahrlässigen Reaktion, die im Krieg eine Befreiung von aller Gewalt und allem Terror wähnt. Von dem nicht gerade als Pazifisten bekannten Henry Kissinger stammt der Satz: "The test of policy is how it ends, not how it begins", "Eine Politik wird nicht danach beurteilt, mit was sie beginnt, sondern zu was sie führt", und so speist sich die Skepsis gegenüber dem Krieg, der gerade wieder als Antwort auf die Terroranschläge von Paris propagiert wird, auch aus der nüchternen Analyse, was der letzte "Krieg gegen den Terror" an Ergebnissen gebracht hat: Da wäre nicht nur der unkontrollierte Sicherheits- und Geheimdienstapparat, der nach dem 11. September geschaffen wurde, da wäre auch die menschenrechtliche Entgrenzung der "Wir-Gegen-Sie"-Ideologie, dessen furchtbare Exzesse in Guantanamo und Abu Ghraib sichtbar wurden. Und die uferlosen Einsätze in Afghanistan und im Irak, die den Terror aus heutiger Sicht mehr entfacht als beendet haben.

All jene Kriege, die als vermeintlich gerechte begründet, als vermeintlich ordnungspolitische geführt oder als vermeintlich demokratische nation building Maßnahmen verklärt wurden, führten lediglich zu zerfransten Gebilden ohne stabile staatliche Institutionen, ohne Schutz vor unüberschaubarer, kapillarischer Gewalt. Ob in Afghanistan, im Irak oder in Libyen, überall sind die trostlosen Folgen des naiv-magischen Vertrauens in Kriege als Instrumente der Befriedung zu besichtigen.

Wer immer heute militärischen Einsatz als Anti-Terror-Kampagne fordert, ob aus Entsetzen über die mörderische Gewalt der Dschihadisten, aus verständlicher Angst oder aus ehrlich empfundener Solidarität mit den Franzosen, der muss dieses Erbe destruktiver, ineffizienter, perspektivloser Kriege mitbedenken. Ein Krieg, bei dem weder die Verbündeten noch die Strategie, ja noch nicht einmal der Ort klar sind, an dem er ausgetragen werden muss (in Europa oder in Syrien), droht alle Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Die demütig-realistische Einsicht in die begrenzte Wirkungsmacht militärischer Mittel ist das Mindeste, was sich aus den Verwerfungen europäischer und außereuropäischer Geschichte lernen lässt.