Kolumne Radikal hoffen

Manche haben nach der Wahl Trumps das Gefühl, die eigene Kultur würde kollabieren. Eine Aufgabe für die Kunst.

Von Jagoda Marinić

Was nützt die Liebe in Gedanken? Was nützt die Kunst hinter verschlossenen Türen? Wie in wenigen anderen Ländern haben Künstler in den USA Wahlkampf gemacht. Beyoncé stand neben Hillary Clinton und sagte, sie wünsche sich, ihre Tochter in einer Welt aufwachsen zu sehen, in der ihr alle Wege offenstünden. Eine Frau im Weißen Haus wäre das beste Symbol dafür.

Die Tochter wird sich weiter an der Mutter orientieren müssen, die selbst einer der größten Weltstars ist. In ihrem Song "Formation" thematisierte Beyoncé Polizeigewalt gegen Schwarze, und trat damit beim größten Fernsehereignis der Nation, dem Super Bowl, auf, wo das Publikum Unterhaltung sucht. Deutsche Medienvertreter fragten, als sich Trumps Erfolg abzeichnete, ob das alles dem weißen Amerika nicht einfach zu viel Selbstermächtigung war. Zu viel Selbstbewusstsein der Minderheiten. Wer so fragt, hat noch nicht verstanden, dass Demokratie, abgesehen von der Staatsbürgerschaft, keine Sondergenehmigungen für Partizipation erteilt. Künstler, ganz gleich ob Teil einer Minderheit oder nicht, verarbeiten die Welt mit ihren Mitteln; die Politik sollte sie ernster nehmen. Kunst und Kultur sind nicht die Kür einer Gesellschaft, sondern ihr Kern.

Man darf nicht erblinden am Hochmut des Gelingens

Obama wollte das Gemeinsame stärken. Kaum ein Mittel, ob Talkshow oder "Carpool Karaoke", war ihm und Michelle zu populär. Er hat nicht den Zusammenhalt mit den einen beschworen, um ihn den anderen vorzuenthalten. Er meinte alle. Das Paradox: Es gibt eine Gruppe, die sich mit diesem Gemeinsamen nicht angesprochen fühlt. Es gibt demokratische Wähler, für die Demokratie daraus zu bestehen scheint, mit vermeintlich Ähnlichen eine Mehrheit und nicht mit vielen Verschiedenen eine Gesellschaft zu bilden.

Um diese Gruppe nicht vor den Kopf zu stoßen, haben auch die Obamas in den letzten Jahren über vieles geschwiegen. Der Fortschritt, den Obama selbst repräsentierte, hätte auch vom Scheitern erzählen müssen, das ihn ermöglicht hat. Fortschritt ist das Ergebnis des Lernens aus gegenwärtigem Mangel. Man darf am Hochmut des Gelingens jedoch nicht erblinden. Aus dem Gelingen wird ohne ein artikulierungsfähiges Schmerzgedächtnis schnell ein Scheitern, weil man das Aneinanderreihen von Gelingen für die natürliche Abfolge der Geschichte hält. Obama hat das versäumt. Er hat zu viele Geschichten nicht erzählt. Das schwarze Amerika hat ihm das oft vorgeworfen. Erst im Wahlkampf für Clinton hat Michelle Obama darüber gesprochen, was es in den USA bedeutet, als schwarze Familie im Weißen Haus zu leben: Man lebt in dem Haus, das deine Vorfahren als Sklaven erbaut haben. Der dunklen Seite der Zivilisation Form und Sprache zu geben, ist eine Rolle, die Kunst spielen kann. Daher überlässt die Öffentlichkeit sie oft den Künstlern. Und schiebt gleichzeitig die Künste in einen Kreis von Eingeweihten ab. In das, was Kunst zu erzählen hat, müssten viel mehr Menschen eingeweiht sein. Die Politik hat das Gedenken ritualisiert, das eigentliche Schmerzgedächtnis sind die Künste. Dort wird ein Wissen geteilt, das in den Statistiken nicht zu finden ist. Darauf spielt der schwarze Komiker Dave Chappelle an, der nach der Wahl seinen Auftritt bei "Saturday Night Life" mit den Sätzen eröffnet: "Ich wusste nicht, ob Trump die Wahl gewinnen würde. Ich hab es jedoch befürchtet. In den Umfragen sah es zwar gut aus für Hillary, aber: Ich kenne ja die Weißen."

Und so bat der New Yorker sechzehn US-Autoren um einen Text über ihr Amerika nach der Wahl. Nicht Geopolitik, sondern deren Auswirkungen auf den Einzelnen. Die Nobelpreisträgerin Toni Morrison erinnert an die Schändung des schwarzen Körpers - auch das ist ein Teil des Gemeinsamen. Sie erinnert daran, dass schon weiße Autoren wie William Faulkner von der Gewalt gegen das schwarze Amerika geschrieben haben. Oft behandelt man solche Themen, als würden sie zur Spaltung beitragen. Sie spalten nur, weil das Schmerzgedächtnis, in dem die Geschichten zu finden sind, von der weißen Mehrheit nicht als ihres erkannt wird. Doch es ist nicht irgendeine Geschichte. Es ist die Geschichte der Sklaverei. Sie ist das Erbe aller US-Amerikaner.

Das Narrativ darüber, wer "wir" ist, was eine Gesellschaft ausmacht, wird die Menschen nicht zusammenhalten, wenn zu diesem Narrativ nicht auch das gehört, woran dieses "wir" gescheitert ist. In "Make America Great Again" ist von dieser demütig und letztlich menschlich machenden Verletzlichkeit nichts zu spüren. Wer diesen Satz nach Deutschland importieren möchte, der hat Deutschland nicht verstanden, der hat seine eigene Geschichte nicht verstanden. Im Grunde weiß so ein Mensch nicht, wer er gesellschaftlich ist.

Einer, der sehr genau weiß, wer er ist und eine Stimme dafür gefunden hat, ist Pulitzer-Preisträger Junot Díaz. Sein Text analysiert nicht, bleibt bei den Albträumen, die es bei seinen Nichten auslöst, dass Latinos nun zum Feindbild des "großen Amerika" gehören und abgeschoben werden könnten. Junot Díaz erinnert darin an den Philosophen Jonathan Lear, der ein Buch mit dem Titel "Radical Hope" geschrieben hat. Darin geht er der Frage nach, wie Menschen damit umgehen, wenn sie das Gefühl haben, ihre Kultur verschwindet, bricht zusammen, kollabiert. Wie umgehen mit der Zerbrechlichkeit der Zivilisation, in der man lebt?

Für manche fühlt sich die Welt nach diesem 8. November an, als würde die eigene Kultur kollabieren und der Wertekonsens, der stabil zu sein schien. Der große Bruder ist gekommen, uns noch einmal daran zu erinnern, dass Demokratie ein Weg ist, die Stärksten und die Schwächeren in Frieden zusammenleben zu lassen. Es kommt in jedem Geschwisterleben der Tag, an dem der kleine Bruder dem großen Bruder auf die Beine hilft. Angst darf Europa nicht lähmen. Inmitten all der Zweifelnden, Ungewissen und Agitierenden sind die radikal Hoffnungsvollen, die von den Schmerzen dieses Kontinents wissen, die Unverzichtbaren für die demokratische Kultur.

Jagoda Marinić, 39, ist Schriftstellerin und leitet das Interkulturelle Zentrum Heidelberg.