Kolumne Mehrstimmig

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Eine Lehre aus der Griechenland-Krise: Europa fehlt eine gemeinsame Öffentlichkeit. Ein unabhängiger Fernsehsender für alle könnte der Ort sein, an dem sich der Kontinent neu entdeckt und erfindet.

Von Carolin Emcke

Es ist seltsam, dass man ein Buch gar nicht einfach lesen kann", schrieb einmal der russisch-amerikanische Romancier Vladimir Nabokov, "man kann es nur wiederlesen." Vielleicht verhält es sich ähnlich mit der Geschichte der europäischen Krise, die sich gerade vor unseren Augen abspielt. Sie lässt sich im Moment des Geschehens nicht einfach lesen. Womöglich muss man sie wieder und wieder lesen und wird sie erst nachträglich verstehen. Das hat zunächst einmal mit dem Tempo der Ereignisse zu tun und den sich überschlagenden Volten der handelnden Figuren, deren Verlautbarungen oder Schriftsätzen man nur zeitversetzt hinterherdenken kann. Es hilft wenig, dass manch einer der Protagonisten die eigenen Vorschläge schon zu revidieren oder dementieren sucht, noch ehe sie überhaupt geprüft werden konnten.

Es liegt aber auch an dem zersplitterten europäischen Diskurs, an den widersprüchlichen Versatzstücken, derer man habhaft wird und den wachsenden Zweifeln, ob sich aus den antagonistischen Erzählungen ein hinreichend komplexer und fairer Eindruck formen lässt. Jenseits der ungelösten Konflikte, jenseits der unbeantworteten Fragen, welche Strategien sich eines Tages als nachhaltig und sozial gerecht erweisen werden, zeigt sich immerhin eines gewiss: Das europäische Projekt bedarf nicht allein einer politischen Architektur, die mehr ist als nur ornamentale Dekoration einer ökonomischen Konstruktion. Das europäische Projekt bedarf auch einer unabhängigen Öffentlichkeit, die mehr ist als nur mediale Spiegelung jeweils national bevorzugter Wahrnehmungs- und Deutungsmuster.

In der Krise zeigt sich, dass die Europäer kein Vokabular füreinander haben

Es reicht nicht, einzelne griechische Stimmen in die hübsch homogenen Gesprächskreise hiesiger öffentlich-rechtlicher Sender einzuladen. Das ist ehrenwert, versucht aber doch nur in der Not der Aktualität zu kompensieren, was sich langfristig nicht kompensieren lässt: das fehlende Wissen voneinander, das beschränkte Vokabular füreinander, die unvollständige kognitive Karte Europas. Es braucht vielmehr eine so alltägliche wie kontinuierliche Selbstverständigung darüber, wer wir sein wollen, was und wer schutzbedürftig ist in Europa, welche Differenzen anerkannt und welche abgebaut werden sollten, welche Verbindlichkeiten als zumutbar und welche Diskriminierungen als nicht tolerabel gelten sollten.

In seinen Betrachtungen über den Aufbau des Kosmos, "De Caelo", schreibt Aristoteles um 350 vor Christus, "dass die Masse (der Erde) überall gleichmäßig werden wird, wenn sich die Teile überall von den Enden her gleichmäßig zur Mitte hin bewegen. Denn wenn überall gleichmäßig zugeführt wird, so muss der Abstand der Grenze zur Mitte immer derselbe sein." Was bei Aristoteles als Argument für die kugelförmige Gestalt der Erde gedacht ist, dass der Abstand der Grenze zur Mitte immer derselbe sei, könnte auch eine schöne Beschreibung dessen sein, was dem europäischen Kosmos derzeit abgeht: das Wissen darum, dass Europa nur da existiert, wo es sich nicht mehr in Kategorien von Zentrum und Peripherie versteht, dass Europa sich nur da verwirklicht, wo alle Gesellschaften im selben Abstand zur Mitte gedacht werden und wo die Vielfalt der Sprachen und Blickrichtungen nicht in einmütige Provinzialität übersetzt wird.

In den sozialen Netzwerken gibt es eine Vorahnung davon, wie es klingen könnte, ein solch offenes, vielsprachiges Miteinander, das nicht nur die politischen, sondern auch die ästhetischen Vorstellungsräume Europas erweitert. Aber ähnlich wie in den bürgerlichen Salons des 18. Jahrhunderts bleibt dieser Diskurs noch begrenzt auf die Teil- oder Gegenöffentlichkeiten eines eher exklusiven oder jüngeren Milieus und erfasst nicht all jene Regionen oder Schichten, die beteiligt werden sollten.

Es braucht endlich einen gemeinsamen, unabhängigen Fernsehsender, in dem sich Europa nicht mehr lokal oder imperial, sondern so vielsprachig und multiperspektivisch artikulieren kann wie es ist. In dem die dominante Rhetorik immer wieder herausgefordert wird durch seltenere, unerhörte Sprech- und Denkweisen. Ein europäischer Sender, "der Faktor und Medium der freien Meinungsbildung" sein sollte (wie es der Rundfunkstaatsvertrag für das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen formuliert) und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der europäischen Gemeinschaft nicht allein abbildet, sondern sie immer wieder neu befragt und belebt. Ein wirklich paneuropäisches Fernsehen beinhaltete mehr als nur Nachrichten-Sendungen (wie bei Euronews) oder Parlamentsdiskussionen (wie bei Europarl-TV), es sollte so informativ wie unterhaltsam, so irritierend wie berührend sein. Es könnte rumänische oder portugiesische Dokumentationen präsentieren, holländische oder polnische Seifenopern, tschechische oder französische Kinderfilme und nicht zuletzt Gesprächsformate, in denen die eigenen ideologischen Gewohnheiten und Überzeugungen nicht einfach behauptet, sondern begründet werden müssten. Das mag anstrengend und mitunter auch verstörend sein, aber bestimmt auch lustig und befreiend.

Ob ein solcher europäischer Sender eine öffentlich-rechtliche, gebührenbasierte Struktur oder eine kommerzielle Finanzierung braucht, ist sicherlich eine strittige Frage. Auch wie sich die Qualität und die journalistische Unabhängigkeit eines solchen europäischen Senders garantieren ließen, müsste behutsam durchdacht werden. Niemandem wäre gedient, wenn sich auf der europäischen Ebene parteipolitische oder klientelistische Verkrustungen der nationalen Medien nur reproduzierten. Unstrittig allerdings ist auch: Wenn nicht mit allem finanziellen und kreativen Mut eine europäische Öffentlichkeit bewusst geschaffen wird, drängen die Gegner Europas und nicht seine Liebhaber in die politisch-kulturelle Leerstelle. Was auch immer für Wachstumsprogramme in den nächsten Wochen noch beschlossen werden, sie sollten Investitionen in einen unabhängigen europäischen Sender enthalten, über den sich ein anderes Europa entdecken und erfinden kann.