Kolumne Hemmungslos

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Offener Hass ist gesellschaftsfähig geworden, er richtet sich auch gegen die, die ihn nicht dulden wollen.

Von Carolin Emcke

In der Geschichte wurde der Hassende stets reichlich belohnt," schreibt der amerikanische Autor und Dramatiker Larry Kramer in seinem jüngsten Buch "The American People, Volume 1", "es gab Ländereien zu besetzen, Töchter zu rauben und Waren zu erpressen." Es mag in der Gegenwart andere Währungen geben, in denen der Hassende reichlich entlohnt wird: Es gibt öffentliche Räume und Straßen zu besetzen, Begriffe zu rauben und Aufmerksamkeit zu erpressen. Aber der hemmungslose Hass, der nichts vehementer ablehnt als das bloße Konzept der Hemmung, wächst und gedeiht.

Der Hass in seinen verschiedenen Erscheinungsformen hat sich gesellschaftlich derart ausgebreitet, ist so gewöhnlich geworden, dass mitunter gar nicht mehr wahrnimmt, wer ihn in Sprache oder Gesten begründet, duldet, verbreitet. Es ist so üblich geworden, dass nicht mehr einzelne Handlungen, sondern Menschen kritisiert werden, dass nicht mehr in Individuen, sondern in Kollektiven gedacht wird, dass bestimmte Kollektive nach Belieben diffamiert und entwertet werden können, dass es kaum mehr bemerkt wird. Nur diejenigen, die den Hass erleben, jeden Tag, die ihm existenziell ausgeliefert sind, für die ist er unverkennbar, die können nicht fassen, was sie hören, sehen, aushalten müssen. "Durch das Sprechen verletzt zu werden, bedeutet, dass man Kontext verliert," schreibt die amerikanische Philosophin Judith Butler in "Hass spricht", "also buchstäblich nicht weiß, wo man ist." An den gewöhnlichen Hass können und wollen sich diejenigen, die er zum Objekt hat, nicht gewöhnen.

Der Hass kennt verschiedene Blickrichtungen und sieht doch immer nur die eigene Projektion: Gehasst wird nach "oben": gegen die vermeintlichen "Eliten" (Politiker, Prominente, Medien, Intellektuelle, Brüssel, die USA). Gehasst wird nach "unten": gegen die vermeintlich "anderen" (Geflüchtete, Obdachlose, Frauen, Schwarze, Muslime, Transgender). Und gehasst wird die vermeintlich verschworene Lobby aus beiden und diejenigen, die wahlweise der einen oder der anderen Kategorie zusortiert werden können (Juden und Homosexuelle).

Neuerdings wird auch gegen die gehetzt, die nicht hetzen wollen. Das ist eine besonders kuriose Wendung. Als seien sie Spielverderber im Ringelreihen der kultivierten Feindseligkeit. Weil die sich identitär nicht so leicht fassen lassen, wird das Etikett gleich mitgeliefert: Das sind die "Moralisten", die "Gutmenschen", die "Tugendhaften", was eine eigenwillige Form der Schmähung ist. Wer Aufmerksamkeit und Respekt gegenüber anderen nicht für Perversionen, sondern für selbstverständliche Formen der Höflichkeit hält, lässt sich durch das Wort "Gutmensch" nicht denunzieren.

Es gibt jene Form des Hasses, die von sich selbst überwältigt wird, die so erregt, so unkontrolliert aufwallt, dass sie sich nicht disziplinieren oder maskieren lässt. So zeigen sich die Hassenden ohne Deckung, sie brüllen und wüten, drohen und bedrohen vor laufenden Kameras, sie unterzeichnen verletzende Briefe mit vollem Namen ohne Scheu. Sie fühlen sich nicht nur im Recht. Sie fühlen sich als Mehrheit. Nicht immer, aber manchmal verbindet sich dieser Hass mit offenem Vernichtungswillen: Entgrenzte Gewalt wird nicht nur still fantasiert, sondern dem Opfer auch lauthals gewünscht oder angekündigt. Feministinnen erhalten Post, in der zunächst recht distinguiert Nietzsche oder Cicero zitiert wird, um dann eher undistinguiert mit Vergewaltigung zu drohen; Geflüchtete werden nicht nur als potenzielle Terroristen oder patriarchale Unterdrücker unter Generalverdacht gestellt, sondern ihnen wird ein möglichst qualvoller Tod zugedacht.

Nicht immer geht dieser Hass von organisierten Gruppen aus. Und doch ist er niemals individuell. Dieser erregte Hass, auch wenn er nur von Einzelnen geäußert wird, ist immer ein historisches Zitat. Für die Opfer knüpft auch eine einzelne Aussage, ein einzelner Ausfall immer an die Geschichte früherer Aussagen und Ausfälle an, reiht sich ein in die kollektiven Erfahrungen aus Kolonialismus oder Krieg und Vertreibung. Dieser explizite, unmaskierte Hass der Gegenwart ist nie isoliert, sondern immer schon gebettet in einen politischen, diskursiven Zusammenhang der Verharmlosung und Legitimierung.

Für diese Legitimierung braucht es noch einen anderen Hass, einen, der unscheinbarer und verborgener daherkommt. Der nicht explizit und unkontrolliert Gewalt androht, sondern implizit (und oft kontrolliert) Hass verbreitet. Dieser disziplinierte Hass operiert maskiert, die Begriffe und Gesten kommen unscheinbar daher, damit jede Kritik umgehend als unberechtigt oder kleinlich lächerlich gemacht werden kann. Da wird das N-Wort ausgesprochen, als gäbe es das in einer gut gemeinten Version, da werden T-Shirts mit der Ziffer "88" bedruckt, die sich dann freundlich lächelnde Mädchen überstreifen. So taucht dann "Heil Hitler", wofür die Zahl in rechtsextremen Kreisen steht (die 8 für den achten Buchstaben des Aphabets: H) im Fernsehen auf, hoppelt heiter durchs Bild, und kaum jemand merkt auf. Hass und Ressentiment werden codiert als "Sorge", als "Angst", die angeblich immer berechtigt sei. Dieser Hass arbeitet mit dem Phantasma einer Rückkehr zu einer Gemeinschaft, die es nie gegeben hat, für die gesäubert werden muss, was die eingebildete Nation angeblich beschmutzt.

Weil sie die Reinheit propagieren, brauchen die Hassenden unbedingt Eindeutigkeit. Vielleicht ist das ihre größte Schwäche: Sie können nur im Genre des geschlossenen Dogmas denken. Dem Hass begegnen lässt sich deswegen nur, indem man sich seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, also dem Hass nur mit Hass zu begegnen, widersteht. Stattdessen gilt es, das zu mobilisieren, was dem Hassenden abgeht: die Fähigkeit zur Ironie, das zweifelnde, auch Ambivalenzen aushaltende Denken und die Vision einer "unreinen", vielfältigen, offenen Gesellschaft, in der Kritik sich an Handlungen, nicht an Personen festmacht.