Kolumne Haiti

Illustration: Bernd Schifferdecker

Nach dem verheerenden Wirbelsturm "Matthew" mangelt es auf der Insel immer noch am Nötigsten. Ein Teil des Problems sind die Helfer der Vereinten Nationen selbst.

Von Carolin Emcke

Für die Mehrheit der Menschen hier ist das Jenseits das einzige Land, das sie jemals bereisen werden", schrieb der haitianische Schriftsteller Dany Laferrière 2009 voll Bitterkeit in seinem grandiosen Roman "Das Rätsel der Rückkehr". Anderes gibt es für die Mehrheit der Haitianer nicht zu entdecken. Um zu anderen Ländern aufzubrechen, fehlen Kraft oder Geld. So sind es die Schwellen des Todes, die die Menschen am leichtesten passieren können. Den Übergang markieren Krankheiten und Katastrophen, die dieses Land so selbstverständlich heimsuchen wie die Gezeiten. Oder auch schon der alltägliche Hunger. Nicht jener Hunger, der sich einstellt, wenn es etwas weniger als genug zu essen gibt. Nicht jener Hunger, der sich durch ein bisschen Magenknurren bemerkbar macht. Sondern dieser maßlose Hunger, der alle Welt um einen herum verschwinden lässt. Der den Menschen auf nichts als den Hunger reduziert. "Wer hungert, liest nicht, geht nicht ins Museum und nicht zum Tanz", schreibt Laferrière an anderer Stelle. "Er wartet darauf, zu verhungern."

Schon im Normalfall (wann hätte es den hier je gegeben?) leben in Haiti laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 59 Prozent der Bevölkerung in Armut, 24 Prozent gar im Elend. Schon im Normalfall verfügt die Hälfte der Menschen über keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Jetzt, wenige Wochen nach dem furchtbaren Hurrikan Matthew, der in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober auf der Karibikinsel Hispaniola wütete, sind mindestens 2,1 Millionen Menschen unmittelbar von der Katastrophe betroffen. 750 000 benötigen humanitäre Hilfe. Ganze Regionen im Süden sind verwüstet, Felder und Essensreserven wurden zerstört, Latrinen und Friedhöfe überschwemmt, Leichen und Tierkadaver treiben in den Flüssen. Zahllose Dörfer sind nach wie vor abgeschnitten von der Außenwelt, Menschen, die obdachlos wurden, hausen in Höhlen. Und die Cholera breitet sich aus. Wie viele ihr schon erlegen, wie viele erkrankt sind, lässt sich unter diesen Umständen nicht einmal ermitteln. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen rechnet mit bis zu 50 000 Erkrankten bis Ende des Jahres. Cholera, eine schwere bakterielle Infektion vor allem des Dünndarms, verläuft in 20 bis 70 Prozent der unbehandelten Fälle tödlich.

Der Noch-Generalsekretär der UN, Ban Ki-moon, musste diese Woche einräumen, dass von den dringend benötigten 120 Millionen Dollar an Hilfe für Haiti gerade einmal 20 Prozent eingegangen seien - und kritisierte die internationale Gemeinschaft scharf für ihre Gleichgültigkeit. Die Enttäuschung von Ban Ki-moon ist auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar: Zu willkürlich und zu flüchtig wendet sich die mediale Aufmerksamkeit mal dieser, mal jener Region zu, nie zu lange, nie zu nachhaltig, so, als müsse unbedingt verhindert werden, dass sich tieferes Wissen oder gar Solidarität einstellen könnte. Die Zögerlichkeit der Spender wirkt wie eine spontane ADHS-Störung, welche die internationale Gemeinschaft genau dann befällt, wenn Haiti dringend finanzielle und humanitäre Unterstützung benötigt. Dann reicht die Konzentration gerade noch für das vollmundige Versprechen - aber schon nicht mehr für dessen Einlösung. Noch bevor in Haiti auch nur die Toten geborgen oder beerdigt sind, ist das Land in der inoffiziellen Rangliste der Not schon wieder nach unten durchgereicht worden.

Aber so berechtigt die Kritik des Generalsekretärs an den internationalen Gebern auch sein mag, sie lenkt ab von der eigenen Verantwortung der UN an dem elenden Zirkel der Hilflosigkeit in Haiti. Der Romanautor und Essayist Hans Christoph Buch bemerkte in seinem "Nachruf auf einen gescheiterten Staat" lakonisch: "Haitis Unabhängigkeit existiert nur auf dem Papier, denn seit 2004 steht das Land unter der Kuratel der Vereinten Nationen." Die Mission ist gewiss auch für die Blauhelme selbst nicht einfach gewesen: 57 Angehörige der UN kamen in Ausübung ihrer Tätigkeit ums Leben. Auch beim verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 verloren die Vereinten Nationen viele Mitarbeiter in Haiti. Aber die Zeiten, in denen die UN administrative Desaster allein auf den "gescheiterten, korrupten Staat" Haiti schieben konnten, sind vorbei.

Es sind zudem nicht mehr nur Naturkatastrophen, die das Land verwüsten, sondern auch menschengemachte. Spätestens seit nachgewiesen wurde, dass der Ausbruch der Cholera in Haiti durch schlampige Hygiene der UN-Mission verursacht wurde, hat sich die Wahrnehmung der internationalen Helfer dramatisch gewandelt. Dass der Einsatz der Hilfsorganisation in weiten Teilen der Bevölkerung längst nicht mehr mit Schutz vor Gewalt und Elend, sondern mit Gefahr assoziiert wird, scheint in der Zentrale der UN noch nicht angekommen zu sein. Zwar wurde eine interne Untersuchung in Auftrag gegeben, die das hygienische und ökologische Fehlverhalten der UN-Missionen analysieren sollte. Doch die Ergebnisse der Untersuchung, wonach die Vereinten Nationen spektakulär fahrlässig und unverantwortlich mit Abwasser und Müll umgegangen sind, wurden nicht sofort offiziell vorgestellt, sondern zunächst nur auf der Website für "Internal Oversight" versteckt.

Die New York Times zitierte vergangene Woche den haitianischen Interimspräsidenten Jocelerme Privert: "Meine größte Herausforderung ist es, dass die Spender begreifen, dass sie dieses Mal mit uns zusammenarbeiten müssen." Die Erfahrungen aus dem Jahr 2010, als sich nach dem Erdbeben wohlmeinende Hilfsorganisationen über Haiti ausbreiteten und, absichtlich oder unabsichtlich, lokale Strukturen unterwanderten, sollen sich nicht wiederholen. Zu den Lehren aus dieser Zeit gehört auch, die Hilfe nachhaltig zu organisieren - und das bedeutet: Menschen möglichst in den Gemeinschaften zu lassen, aus denen sie stammen, und nicht alles zu zentralisieren. Neben der berechtigten Klage über zu geringe Spendenbereitschaft sollte in den UN doch auch ein selbstkritisches Nachdenken einsetzen, wie sie das Vertrauen derer, denen sie helfen wollen und sollen, zurückgewinnen können.