Kolumne Denken

Carolin Emcke ist Publizistin und Philosophin. Ihre Kolumne erscheint in jeder SZ am Wochenende an dieser Stelle. Illustration: Bernd Schifferdecker

Heute wird kaum mehr ernsthaft gedacht, sondern gesammelt, was sich in die eigenen Überzeugungen einfügt. Dabei ist das Zweifeln an eigenen Positionen gerade jetzt so wichtig.

Von Carolin Emcke

In einer ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen schrieb die Dichterin Ingeborg Bachmann einmal "vom Denken, das zuerst noch nicht um eine Richtung besorgt ist, einem Denken, das Erkenntnis will und mit der Sprache und durch die Sprache etwas erreichen will." Mal abgesehen von denen, die nicht mehr mit Sprache, sondern nur noch mit Gewalt etwas erreichen wollen, ist es wirklich selten geworden: das Denken, das noch nicht um eine Richtung besorgt ist, das nicht schon weiß oder zu wissen behauptet, was richtig ist und was falsch, das nicht schon das eigene Urteil kennt bevor es weiß, wie es überhaupt zustande kommen könnte. Es ist selten geworden, dieses Denken, das Erkenntnis will, das sich neugierig aufmacht nach Begriffen, Informationen, Argumenten, aus denen sich etwas lernen, mit denen sich etwas begreifen und entdecken ließe.

Dabei gibt es zurzeit eine Vielzahl von sozialen, politischen und ökonomischen Fragen, über die es vernünftigen Dissens geben kann, bei denen es durchaus naheliegend und legitim wäre, unsicher zu sein, was richtig und was falsch ist, bei denen die Richtung des Denkens keineswegs schon vorgegeben sein muss, weil auch die Fakten, so sie einmal gesichert sind, meist lediglich eine Aufgabe definieren. Gewiss, dieses Bachmann'sche Denken ist anspruchsvoll und riskant: es verlangt die Bereitschaft, auch Irrtümer einzugestehen, blinde Flecken der eigenen Sozialisation oder des eigenen Milieus zu entdecken und das Wagnis, mal die Perspektive anderer einzunehmen, um zu schauen, was sich von dort aus sehen oder denken ließe.

Aber in der zunehmend polarisierten, fragmentierten Öffentlichkeit dominiert im Augenblick vor allem jenes Denken, das immer fertig und abgeschlossen sein will, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt, das nur mehr ordnet, welche Behauptungen und welche Ideen anschlussfähig sind an das, was man immer schon geglaubt und gedacht hat. So sortiert der narzistisch-ideologische Filter vor, was zum eigenen Deutungsmuster passt, was das eigene politische Passepartout bestätigt - und sortiert aus, was abgetan und wer als gegnerisch denunziert werden kann.

Weil in diesem antagonistischen Modus kaum mehr ernsthaft gedacht werden muss, sondern nur noch gesammelt wird, was sich einfügt in die eigene Überzeugung, beschleunigt sich auch das ganze Verfahren: die Zeit, in der traditionellerweise die Argumente der anderen überprüft, evaluiert und abgewogen werden, erübrigt sich ja bei dieser Methode. Eine misstrauische Hermeneutik des Verdachts vergiftet so die Atmosphäre der öffentlichen Auseinandersetzung. Es braucht nur ein einziges Wort, dem Signalwirkung zugeschrieben wird, es braucht nur einen Satz, der als Etikett einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe gilt - und schon entlädt sich reflexhaft eine Kaskade an Unterstellungen: etwas zu dämonisieren oder zu verharmlosen, ahnungslos zu sein oder zu lügen, in jedem Fall aber mutwillig im Unrecht zu sein.

Es ist eine Art Rasterfahndung für Laien, die nach ideologischen Alarmbegriffen und Merkmalen sucht, durch die sich potenzielle Gegner und Feinde schnellstmöglich erkennen (oder selbsttätig konstruieren) lassen. Sie choreografiert Konflikte, in denen es angeblich nur zwei Seiten, nur zwei ineinander verkeilte Wir-gegen-sie-Kollektive gibt, die nichts eint als die Simplifizierung. So weiten sich nach und nach die realen oder inszenierten Zonen der radikalen Unnachgiebigkeit aus, in denen Themen oder Fragen nur noch tangiert, aber nicht mehr wirklich erörtert werden, weil es allen irgendwie reicht, sich gegenseitig zu beschuldigen oder zu verachten. Was verloren geht, ist der Raum für das Erörtern komplizierter, womöglich uneindeutiger Positionen. Und was verloren geht, sind der Mut und die Lust, echte Pluralität auch auszuhalten und zu verhandeln.

Die mangelnde Bereitschaft von einigen Politikern, sich im Wahlkampf auch mit Vertreterinnen und Vertretern der AfD sachlich auseinanderzusetzen, ist nur das letzte Symptom einer Entwicklung, in der es immer weniger als demokratische Selbstverständlichkeit gilt, um programmatische Inhalte auch diskursiv ringen zu müssen. Dabei kann nur eine sachliche, an Erkenntnis orientierte Auseinandersetzung populistische Argumentations-Attrappen von politischen Strategien unterscheiden helfen. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk, in diesem Fall der SWR, vor lauter simuliertem Diskurs nicht einmal erkennt, wann der Farce zu viel ist, das ist fast schon Satire.

"Reden hieße: Sonden vorantreiben," schreibt Ingeborg Bachmann in ihren Vorlesungen aus dem Winter 1959/60, "die, sich am Weg reibend, die Sondierung herstellen". Sondierung lässt sich in dieser misstrauischen Öffentlichkeit nur herstellen, indem wir uns daran erinnern, was wir einander in einer repräsentativen Demokratie und einer offenen Gesellschaft schulden: Gründe und Erläuterungen, warum uns etwas überzeugt oder nicht, warum uns etwas kritikwürdig erscheint, fragwürdig oder gar inakzeptabel.

Wenn die Gründe und Erläuterungen andere nicht überzeugen, dann braucht es bessere, feinere Gründe oder Erläuterungen, die sie, vielleicht, überzeugender machen. Womöglich aber sind auch die Einwände der anderen triftig. Das Misstrauen darf sich schließlich nicht nur gegen andere, sondern ruhig auch einmal gegen sich selbst richten. Solche Gespräche, in denen der kritische Verdacht auch mal gegen die eigenen Überzeugungen gerichtet wird, sind übrigens definitiv lustiger als die ohne kritische Selbstzweifel.

Ist das mühsam als Prozess? Ja, brutal. Ist das langsam? Ja, entsetzlich. Nervt das gelegentlich? Ja, höllisch. Aber das ist das, was eine demokratische Öffentlichkeit ausmacht, in der sich die Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker darüber verständigen müssen und dürfen, wie sie leben wollen. Dass es aber überhaupt um Verständigung geht, miteinander, dass es nicht nur zweistimmig, sondern mehrstimmig dabei zugeht, das wird wieder zu lernen sein.