Klimaschutz Szenario crazy

Der neue US-Präsident bezweifelt, dass die Erderwärmung vom Menschen gemacht ist. Experten befürchten, dass Washington künftig alle internationalen Verhandlungen torpediert.

Von Michael Bauchmüller

Wenn an diesem Freitag Donald Trump in Washington seinen Amtseid ablegt, werden 1600 Meilen weiter westlich die nächsten Rekorde eingetragen. Wissenschaftler in Boulder, Colorado, vermerken jeden Tag die Größe der Eisflächen in Arktis und Antarktis. Hier wird die steigende Erdtemperatur tatsächlich sichtbar: An jedem einzelnen Tag im Dezember zeigten die Satellitenbilder von den Polen einen neuen Rekord. Der Januar knüpft nahtlos an: Im Vergleich zu den Vorjahren schwindet die Eisfläche.

Das passt zu den Daten, die seit diesem Mittwoch publik sind. 2016 war das wärmste Jahr seit Beginn systematischer Temperaturaufzeichnungen im Jahr 1880. So wie 2015. So wie 2014. Zahlen der US-Raumfahrtbehörde Nasa zufolge lag die Temperatur um 0,99 Grad Celsius über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts, die amerikanische Klimabehörde NOAA maß 0,94 Grad plus. "Der Trend ist ziemlich klar", sagt NOAA-Wissenschaftler Derek Arndt. "Alle singen dasselbe Lied, sie treffen höchstens mal ein paar Noten anders."

Mit der Erwärmung der Erde steigt die Wahrscheinlichkeit für extremes Wetter: Riesige Wellen trafen vergangene Woche auf einen Leuchtturm an der englischen Ostküste.

(Foto: Ian Forsyth/Getty Images)

Ob Donald Trump die Melodie aber erkennt? Während Wissenschaftler neue Wärmerekorde bekannt geben, steht die globale Klimapolitik von diesem Freitag an vor einer rapiden Abkühlung. "Stürme hat es schon immer gegeben", sagte er im November der New York Times. Und der wärmste Tag sei irgendwann um 1890 gewesen. "Es gibt genug Beispiele für unterschiedliche Blickwinkel." Da sei er für alles offen. Zwar gibt es seit 2015 den Klimavertrag von Paris, mit dem sich auch die USA auf mehr Klimaschutz verpflichteten. Ob Trump sich aber daran hält, ist ungewiss.

Damit ist das ohnehin dürftige Ergebnis globaler Klimapolitik in Gefahr. Seit 1990 verhandelt die Staatengemeinschaft über das Thema. 1998 einigten sich die Vereinten Nationen erstmals auf ein Abkommen mit bindenden Zielen, das Kyoto-Protokoll. Doch nach der Wahl von George W. Bush stiegen die USA wieder aus, das Abkommen geriet zum Torso, das ausgerechnet die größten Klimasünder nicht band. Wenn es schlecht läuft, wiederholt sich die Geschichte. Die globalen Treibhausgasemissionen wuchsen derweil weiter, anstatt zu sinken. Die Erdtemperatur ebenso.

In Paraguay tötete eine schwere Dürre vergangenen August viele Krokodile.

(Foto: Jorge Adorno/Reuters)

Gerade das Klimaabkommen von Paris galt vielen als der lang ersehnte Durchbruch. Erstmals verpflichteten sich darin alle Staaten zum Klimaschutz - gemeinsam wollten sie die Erderwärmung begrenzen. Um nicht mehr als zwei Grad, womöglich sogar nur 1,5 Grad Celsius sollte sich der Globus erwärmen. Mittlerweile haben 125 Staaten das Abkommen ratifiziert, richtig verändert hat es aber noch nichts: Es gilt erst ab 2020. Und bis dahin ist noch einiges zu klären, auch mit den USA.

"Wenn du wissen willst, wie die Lage ist, geh in die Antarktis."

"Die Lage ist wackelig", sagt Susanne Dröge, Klimapolitik-Expertin bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). "Wir stehen in der amerikanischen Klimadiplomatie entweder vor dem Szenario Bush oder vor dem Szenario crazy." Im Szenario Bush wären zwar auch keine Klimafreunde am Werk. Sie würden aber zumindest den Kampf gegen die Erderwärmung nicht torpedieren, solange mit China der andere große Klimasünder dabei ist und die Wirtschaft auf grüne Geschäfte hoffen kann. "Szenario crazy dagegen wäre, wenn als Unterhändler nur Leute benannt werden, die alle Verhandlungen blockieren", sagt Dröge. Die Klimapolitik unter dem Dach der Vereinten Nationen ließe sich so massiv ausbremsen, denn die Staaten entscheiden im Konsens.

In den USA ist für die Klimapolitik nicht das Umweltressort zuständig, sondern der Außenminister. Bisher war das John Kerry; er hatte sich dem Klimaschutz verschrieben. "Wenn du wissen willst, wie die Lage ist, geh in die Antarktis", empfahl er jüngst bei der Klimakonferenz in Marrakesch. Sein designierter Nachfolger allerdings hat andere Interessen: Rex Tillerson war bislang Chef von Exxon Mobil. Ein Ölmanager soll damit bei den internationalen Verhandlungen den Abschied von fossilen Energien vorbereiten. "Wir müssen das Schlimmste befürchten", sagt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan. Und die mächtige Umweltbehörde EPA, mit der Barack Obama etwa harte Auflagen für die Kohleindustrie ins Werk setzte, soll der Republikaner Scott Pruitt leiten. Von Klimapolitik hat er noch nie viel gehalten, ganz im Gegenteil.

Der Klimaschutzvertrag steht erst im Grundsatz: Die Details sind noch offen

Doch ob Szenario crazy oder Bush: Das Ende der Obama-Administration reißt in einer entscheidenden Phase eine Lücke. Denn mit dem viel gefeierten Abkommen von Paris hatten sich die Staaten zwar auf den gemeinsamen Klimaschutz verständigt. Aber wie sie das konkret erreichen wollen, wie sie ihre Fortschritte messen und sich gegenseitig kontrollieren, dieses Regelwerk müssen sie erst aufstellen, bis Ende 2018. "In den nächsten zwei Jahren entsteht die Bedienungsanleitung für das Abkommen", sagt SWP-Forscherin Dröge. "Und wie sich die neuen Kräfteverhältnisse darauf auswirken, muss sich erst noch erweisen."

Zu den neuen Kräfteverhältnissen gehört, dass China an Bedeutung gewinnt. Gemeinsam mit Washington hatte Peking einst den Weg zum Klimaabkommen frei gemacht, auch zu dessen rascher Ratifizierung. Nun schwingt sich die Volksrepublik zum Klimaschützer auf, zumindest verbal. Als Chinas Staatspräsident Xi Jinping diese Woche das Weltwirtschaftsforum in Davos eröffnete, da pries er die Erfolge grünen Wachstums und erkor den Klimawandel zu einer der großen Herausforderungen. "Staaten, ob klein oder groß, ob stark oder schwach, reich oder arm, sind alle gleichermaßen Mitglied der internationalen Gemeinschaft", holte Xi aus. Das Pariser Abkommen sei hart erkämpft, und: "Alle Unterzeichner sollten sich daran halten, anstatt sich davon zu entfernen." Schließlich gehe es um eine Verantwortung gegenüber künftigen Generationen. International erntete Xi jede Menge Applaus. "Diese Rede war ein klares Signal, das China vorangeht", sagt Greenpeace-Chefin Morgan, selbst dieser Tage in Davos. "Ich habe das Gefühl, dass sich die Erde ein Stück weit nach Asien bewegt." Sie sei gespannt, wie Trump darauf reagiere.

Umweltschützer haben im Augenblick nur eine Hoffnung. Der Unternehmer Trump könnte eines begreifen: dass im klimafreundlichen Umbau ein großes Geschäft steckt. Auch für Amerika.