Klima Eine Katastrophe von einem Sommer

Das bayerische Simbach am Inn am 2. Juni: Am Tag zuvor waren Bäche nach starken Regenfällen zu reißenden Strömen geworden.

(Foto: Sebastian Widmann)

Die Überschwemmungen in Süddeutschland waren nur Vorboten künftiger Unwetter, warnt der Wetterdienst. Schuld ist der Klimawandel.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Noch immer laufen die Bautrockner im bayerischen Simbach und im baden-württembergischen Braunsbach. Gut drei Monate ist es her, dass der Regen sie mit Schlamm und Geröll durchflutete, Autos fortschwemmte, Häuser unter Wasser setzte. Die Bilder davon gingen um die Welt, nicht alle Tage verwandelt sich eine Straße in einen reißenden Fluss. Doch nach Auffassung des Deutschen Wetterdienstes ist das nur ein Vorbote. "Wir müssen damit rechnen, dass so eine Wetterlage öfter auftritt", sagt Paul Becker, der Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD). "So eine Niederschlagsmenge ist im Sommer theoretisch an jedem Ort in Deutschland möglich."

So eine Wetterlage - das war zwischen Ende Mai und Anfang Juni das Nebeneinander zweier Tiefdruckgebiete, von denen eines ganze sieben Tage am Stück das hiesige Wetter bestimmte. Äußerst ungewöhnlich sei das, sagt der DWD-Mann. "Für mich ist keine Frage mehr, wer für diese Ereignisse verantwortlich ist" - der Klimawandel. Der Sommer war, global betrachtet, abermals der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880, und auch das Jahr 2016 sei auf bestem Wege, einen neuen Wärmerekord aufzustellen. "In den letzten tausend Jahren gab es nie eine solche Erwärmungsrate wie heute", sagt Becker.

Dabei ist der deutsche Sommer 2016 statistisch gesehen gar nicht so auffällig. Er ist nur geringfügig wärmer als der Durchschnitt der Jahre 1960 bis 1991, was manch Deutschland-Urlauber in leidvoller Erinnerung hat. Er ist auch nicht wesentlich regenreicher als in früheren Jahren - jedenfalls nicht im Durchschnitt. Im bayerischen Simbach dagegen fielen binnen 48 Stunden auf jeden Quadratmeter 180 Liter Regen. Sieben Menschen starben.

Bund und Länder arbeiten seit Jahren fieberhaft an der "Anpassung" an den Klimawandel. Neben häufigerem Starkregen und Sturzfluten zählen dazu auch die Folgen von Hitzewellen, wie sie vor allem Menschen mit Herzkrankheiten zu schaffen machen. Landwirte müssen neue, hitzeresistentere Sorten anbauen, während Stechmücken nach Deutschland kommen, die vor noch gar nicht so langer Zeit als exotisch galten. Doch bei keinem Ereignis ist so sehr der rasche Katastrophenschutz gefragt wie bei einem Unwetter mit Starkregen und Hagel.

Im westfälischen Unna etwa gibt es deshalb mittlerweile eine Starkregen-Karte: Sie simuliert, wie tief Teile der Stadt unter Wasser stehen, wenn in einer Stunde 90 Liter pro Quadratmeter fallen. Einen vergleichbaren Regen gab es vor zwei Jahren im benachbarten Hamm. Wer in den Gegenden lebt, die in der Karte blau sind, kann schon mal Sandsäcke bunkern. Nötig sei eine "neue Kultur", sagt der Wetterdienstler Becker. "Wenn die Infrastruktur zusammengebrochen ist, dann müssen wir damit umgehen." Ohne Eigenvorsorge gehe da nichts. Dazu könne dann auch zählen, schon einmal eine Notration anzulegen - für die ersten Tage nach der Sturzflut. Derweil bemühe man sich aber auch, die Wettervorhersagen und Unwetterwarnungen weiter zu verbessern.

Auch in den Städten selbst ließe sich noch einiges verbessern, findet das Umweltbundesamt. Schon bei der Stadtplanung müssten die Folgen des Klimawandels berücksichtigt werden, sagt Behördenchefin Maria Krautzberger. "Das heißt zum Beispiel, Städte so zu gestalten, dass Wasser ohne Schäden abfließen kann - sei es über begrünte Dächer oder öffentliche Plätze, die kurzfristig geflutet werden können." Ideal sei eine Art "Schwammstadt", die den Regen aufsauge, statt ihn über gepflasterte Oberflächen in die Kanalisation abfließen zu lassen. Was freilich nichts daran ändere, dass auch Regierungen den Klimawandel bekämpfen müssten. "Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir ambitionierten Klimaschutz betreiben müssen", sagt Krautzberger. "Damit tut sich die Bundesregierung im Augenblick etwas schwer." Derzeit bereitet die Bundesregierung einen "Klimaschutzplan" für die Zeit bis 2050 vor - ein "mutloses Papier", sagt Krautzberger.