Katastrophe vor Lampedusa Warum Europa eine liberalere Flüchtlingspolitik braucht

Hunger, Naturkatastrophen, Kriege: Solange es Leid auf der Welt gibt, werden Menschen versuchen, nach Europa zu fliehen. In Zeiten der Globalisierung bietet diese Entwicklung aber auch Chancen. Denn es sind immer die Mutigsten, Klügsten, Wendigsten, die sich zur Wanderung entschließen.

Ein Kommentar von Sebastian Schoepp

Weder die Küstenwache noch die Euro-Krise können sie abschrecken. Flüchtlinge aus Afrika und Asien klettern, schwimmen, paddeln, laufen nach Europa. Egal ob in Lampedusa, Melilla, Gibraltar, Malta oder am Evros: Wo immer die EU ein Loch verstopft hat, entsteht kurz darauf ein neues. Mit der Höhe der Hürden wachsen Erfindungsreichtum und Wagemut der Migranten.

Im schlimmsten Fall sind Katastrophen wie jetzt an den Küsten Italiens die Folge. Denn eines ist klar: Solange es Wanderungsgründe gibt, werden Menschen wandern, um Krieg, Hunger und Naturkatastrophen zu entfliehen. Es wäre naiv zu glauben, man könne sich abschotten.

Fluchtgründe sind etwa die 22 Kriege, die weltweit toben. So auch in den Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, Somalia, Pakistan, Afghanistan, Irak, Libyen - Staaten also, in deren kriegerischen Auseinandersetzungen der Westen seine Finger im Spiel hatte. Die Flucht hat also mehr mit uns zu tun, als viele wahrhaben wollen.

Auch die Kolonialpolitik Europas hat Ursachen für Migration geschaffen

Unabhängig von der Frage nach dem politischen Sinn und Zweck des Nato-Einsatzes in Libyen gilt ja: Der Sturz Gaddafis hat Libyen erst zum Sprungbrett nach Europa gemacht. Oft sind es auch die Nachwirkungen europäischer Kolonialpolitik, unsinnige Grenzziehungen wie in Syrien etwa, die Jahrzehnte später Migrationsursachen schaffen.

Muss man jetzt also aus schlechtem Gewissen alle Grenzen öffnen? Ein schlechtes Gewissen ist selten ein guter Ratgeber. Hilfreich für die nötige Reform der EU-Flüchtlingspolitik wäre eher die Einsicht, dass Migration Menschenschicksal ist, die große Konstante, die alle Epochen durchzieht. Noch kein politisches System hat es geschafft, sie zu stoppen.

Wozu auch? Historisch gesehen haben die meisten Gesellschaften von Einwanderung profitiert. Der melting pot USA ist das Paradebeispiel, weshalb die dortigen Anstrengungen, sich durch Zäune von der eigenen Zivilisationsgeschichte abzugrenzen, besonders grotesk anmuten. Auch Europa ist ein Produkt der Migration: Mauren in Spanien, Normannen in England, Hugenotten und polnische Bergarbeiter in Deutschland, Siebenbürger Sachsen in Osteuropa - sie alle haben ihre Zielländer bis heute geprägt.

Wo Einwanderer sich einigermaßen entfalten können, nimmt ihr Wirken oft beträchtliche Dynamik an, man denke an die Inder in Ostafrika, Chinesen in Südostasien, Libanesen in Mittelamerika. Es sind ja stets die Mutigsten, Klügsten, Wendigsten, die sich zur Wanderung entschließen.

Eine Öffnung bedeutet auch: Chancen

In Zeiten der Globalisierung kommt ein Aspekt hinzu: die Möglichkeit zur Rückkehr. Nicht alle Migranten finden ihre Aufnahmeländer so großartig, dass sie für immer bleiben wollen. Viele wenden ihre in der Ferne gewonnenen Kenntnisse irgendwann in der alten Heimat an. So haben ausgewanderte Türken über die Jahrzehnte hinweg durch Investitionen in ihrem Herkunftsland dazu beigetragen, dass die Türkei heute ein Tigerstaat ist.

Wem also Menschlichkeit als Argument für eine liberalere Flüchtlingspolitik nicht ausreicht, der mag einen Blick auf die Chancen werfen: Migration schafft Handelsnetze. So können Absatzmärkte entstehen, welche die EU dringend braucht.

Afrika etwa ist wirtschaftlich ungeheuer in Bewegung, nur kriegt Europa kaum etwas davon mit. Anstatt die Hürden gegen Einwanderung zu erhöhen, sollte man sie also an den Stellen senken, wo Vorteile für beide Seiten zu erwarten sind.

Der Hebel dafür ist nicht Einwanderungs-, sondern eine langfristige Wirtschaftspolitik. Mehr Freihandel mit Schwellenländern kann die Initiative von Migranten beflügeln und sie aus der Schattenwelt halblegaler Geschäfte führen. Das wäre nicht nur die nachhaltigere Entwicklungshilfe. Auch dem kriselnden Europa könnte eine Öffnung guttun.