Kambodscha und die Roten Khmer Die Farben des Grauens

30 Jahre nach dem Ende des Terrors beginnt in Kambodscha der erste Prozess gegen einen Schergen der Roten Khmer - und ein Maler hofft auf späte Gerechtigkeit.

Von Oliver Meiler, Phnom Penh

Manchmal leert sich Vann Naths Blick. Ganz plötzlich. Dann starren seine Augen geradeaus an die Wand mit den großen Bildern, seinen Ölbildern, den Gemälden des Horrors. Dann wirkt es, als verliere man ihn einen Moment lang an die Vergangenheit, an die traumatische Geschichte des kambodschanischen Volkes, an die Jahre des Wahnsinns unter Pol Pot. "Ich war so verwirrt damals", sagt er leise und sanft, "so unglaublich verwirrt."

Er hat zu sich nach Hause eingeladen, in ein Zimmer hinter seinem Restaurant in Phnom Penh, das als Galerie seiner Bilder dient. Als Galerie der Folter und der Erinnerung. Es ist heiß im Hinterzimmer. Die Klimaanlage läuft nicht, die Ventilatoren sind ausgestiegen. Nur Vann Nath schwitzt nicht. Er erzählt langsam, konzentriert, manchmal verloren.

Vann Nath war 32 Jahre alt, verheiratet, zwei kleine Kinder, gelernter Maler, ein Bauernsohn aus Battambang im Norden Kambodschas, als sie ihn mit einem Ochsenkarren holten. Ohne Erklärung. Im Dezember 1977. Es waren junge Leute von "Angkar", wie die Roten Khmer ihre Partei nannten. Sie trugen schwarze Kleidung, grüne Mao-Mützen und Halstücher, die Uniform der Revolution. Sie brachten ihn in die Pagode Wat Kandal, die sie zum Gefängnis umfunktioniert hatten. Zum Verhör. "Die meisten waren sehr jung, ungebildet und indoktriniert. Und sie trugen Gewehre. In unserem Dorf war niemand je zurückgekehrt, den sie so geholt hatten wie mich."

Er wurde in einen Folterraum geführt. Man warf ihm vor, er hintertreibe die Revolution, er sei ein Agent der CIA. Jeden Morgen von sechs Uhr früh bis elf Uhr verhörten sie ihn, verabreichten ihm Elektroschocks, um ein Geständnis und die Namen seiner angeblichen Komplizen aus ihm herauszupressen. "Es war alles so surreal, ich hatte damals erst einmal von der CIA gehört, und das war in einem Hollywood-Film", sagt Vann Nath und lächelt, "wie sollte ich auch? Wir arbeiteten auf dem Feld wie alle Kambodschaner, völlig eingeschüchtert von der Organisation, die uns alles verbot. Sie glaubten mir nicht, sie nannten mich einen Feind." Das war wie ein Todesurteil.

1,8 Millionen Kambodschaner, fast ein Viertel der Bevölkerung, kamen um während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. In drei Jahren, acht Monaten, 20 Tagen. Von April 1975 bis Januar 1979. Hunderttausende wurden umgebracht. Hunderttausende starben auf dem Feld, unter der Last der Zwangsarbeit. Viele verhungerten.

Die Kommunisten um Pol Pot, der wie die meisten hohen Kader der Roten Khmer in Paris studiert hatte, versprachen nach langen Jahren des Kriegs und des Elends in Indochina eine Rückkehr zu alter, nationaler Glorie, zu einer Renaissance der Kultur der Khmer. Durch eine Agrarrevolution sollte das geschehen. Alle aufs Feld! Eine neue Gesellschaft sollte entstehen, befreit von der alten Elite: von den Royalisten, den Anwälten und Kapitalisten, den Lehrern, Ärzten und Geistlichen. Alles Feinde, Betrüger, Lügner.

Die Symbole der westlichen Moderne mussten verschwinden. Die Fernseher, die Kühlschränke, die Autos, das Geld, sogar die Ambulanzen, die Schulen. Alles weg. Religion wurde verboten, die Liebe gebührte allein Angkar, der Partei. Individuelles gab es nicht mehr, keine Ferien, keine Feste. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt, soziale Banden zerstört, ganze Dörfer aufgelöst und umgesiedelt. Und Phnom Penh, die Hauptstadt mit ihren schönen Bauten aus der Kolonialzeit, damals zwei Millionen Einwohner, wurde komplett geleert. Eine Geisterstadt.

1975 verabschiedete sich Kambodscha von der Welt. Ein schwarzer Schleier legte sich über das Land. Bis 1979. "Surreal", sagt Vann Nath immer wieder, "bizarr".

Doch erst heute, an diesem Dienstag, den 17. Februar 2009, 30 Jahre danach, kommt der erste von fünf angeklagten hohen Kadern der Roten Khmer vor die Richter der "Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia" (ECCC). Es ist ein halb nationales, halb internationales Tribunal zur Verfolgung der Gräueltaten des Regimes, das am Rande Phnom Penhs seinen Sitz hat. Auch Vann Nath wird im Gericht sein, als Zeuge. "Wir brauchen Gerechtigkeit", sagt er.

Verhandelt wird als Erstes der Fall von Kaing Guek Eav, heute 66 Jahre alt, den sie "Genosse Duch" (ausgesprochen Doik) nannten. Er war der Chef von "Santebal", der Sicherheitspolizei der Partei. Und er war der Gefängnisdirektor von Tuol Sleng, was auf Khmer "Hügel der giftigen Bäume" heißt. Der Komplex mit vier dreistöckigen Gebäuden mitten in der Hauptstadt war davor eine Grundschule.

Es war Platz für 1500 Häftlinge. Die Roten Khmer zogen Stacheldraht und elektrische Zäune rund um das Gefängnis und nannten es S-21. Es sollte das Folterzentrum des Regimes werden. Mindestens 14000 Menschen wurden dorthin gebracht, auch Kinder. Von ihnen allen gibt es Fotos, Protokolle, Biographien. Alles säuberlich festgehalten von "Genosse Duch" und aufgefunden, als die Vietnamesen das Regime überraschten und stürzten.

Duch steht wie ein Symbol für das totalitäre Regime. Er ist das Gesicht des Bösen. Der Folterer. Der Henker. Beweismaterial gibt es genügend, es lässt keine Zweifel zu an den Verbrechen. Seit zehn Jahren sitzt Duch in Haft, seit ihn ein irischer Journalist an der Grenze zu Thailand aufgespürt hat. Dort lebte er nach dem Ende Pol Pots wie viele andere Rote Khmer unbehelligt unter neuer Identität und arbeitete als Mathematiklehrer, in seinem alten Beruf. Er gesteht und bereut. Seit seiner Bekehrung zum Christen sieht er sich als Kind Gottes.

Es werden Duch unter anderem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Folter und Vergewaltigung vorgeworfen. Er war ein launiger, sadistischer und fanatischer Revolutionär, der immer in Rage geriet, wenn die "Lügner" nicht gestehen wollten, selbst dann noch nicht, als man ihnen die Nägel aus den Fingern zog, wenn man ihren Kopf so lange ins Wasser steckte, bis sie fast ertranken, ihnen brennende Zigaretten in den Augen ausdrückte, ihnen Fäkalien in den Mund stopfte. Er verlor schnell die Kontrolle.

Nur sieben Menschen überlebten S-21. Drei leben noch. Einer von ihnen ist Vann Nath. Er kam am 7. Januar 1978 dorthin, auf den Tag genau ein Jahr vor dem Fall des Regimes. Es war Nacht, als sie ankamen. Sie wurden in einer Zweierreihe auf das Areal geführt, an den Hälsen aneinandergefesselt mit einer langen Eisenkette. "Als Erstes fotografierten sie uns und fragten nach Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf, da sagte ich mir, wenn sie uns fotografieren, werden sie uns wohl nicht töten." Vann Nath gab zu Protokoll, dass er Maler sei, ausgebildet von einem Lehrer in Battambang, dass er früher Kinoplakate und Porträts gemalt hatte. Es sollte ihn retten.

Einen Monat lang schlief er nackt in einem Raum mit 50 anderen Häftlingen, einer dicht am anderen, angekettet an den Füßen. "Wir hörten Schreie von Insassen, die gefoltert wurden, durften aber nicht reden, kein Wort. Wer flüsterte, wurde geschlagen. Manchmal brachten sie Dutzende von uns weg, wir dachten, die hätten die Züchtigung überstanden und würden wieder zu ihren Familien oder aufs Feld zurückgebracht." Es war ein dramatischer Trugschluss. Eines Morgens holte ihn ein Wärter und brachte ihn hinunter zu Duch. Der saß auf einem Sofa, rauchte Kotab, die Zigaretten der Kader der Roten Khmer, und sagte ruhig: "Ich habe gehört, dass du ein guter Maler bist, ja?" -"Ich war halb tot, hatte keine Energie mehr, konnte kaum stehen", sagt Vann Nath.

Duch legte ihm das Foto eines Mannes vor, den Vann Nath bis dahin noch nie gesehen hatte, und er befahl ihm, große Bilder in Öl zu malen von diesem Mann. Es war ein Foto von Pol Pot. Vann Nath malte von diesem Tag an schöne Bilder eines großherzig lächelnden Pol Pot. Einige waren drei Meter hoch. Es waren Bilder für die Propaganda, doch das wusste der Künstler nicht. Duch ließ ihn in einen Raum im Gebäude C von Tuol Sleng verlegen, eine Art Atelier, wo Vann Nath nicht mehr angekettet schlafen musste, wo er sich zudecken durfte in der Nacht.

Er erhielt auch mehr Nahrung als die anderen, Kraft für die Künste zur Glorifizierung des Führers. Und Zigaretten. Jeden Tag besuchte ihn Duch und fragte nach der Arbeit. "Er mochte Kunst, er war interessiert", sagt Vann Nath. "Und ich hatte dadurch Freiheiten, ja, ich war begünstigt. Dennoch dachte ich immer, dass ich nie lebend rauskommen würde aus dieser Hölle, dass sie mich irgendwann fallen lassen würden." Hätte er sich geweigert zu malen, hätten sie ihn sofort getötet. Später fand man in den Notizbüchern von Duch: "Behaltet den Maler."

Als die Vietnamesen Phnom Penh einnahmen und die Tore zu S-21 aufstießen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Von Häftlingen, denen Minuten zuvor die Kehle durchgeschnitten worden war, wie es die Roten Khmer immer taten. Wie Hühner sollten die Feinde der Revolution sterben, sagten sie. Sie nannten es nicht "töten", sondern "zerstören". Die Wärter waren schon geflohen. Auch Duch, der Gefängnisdirektor.

Sieben Insassen trieben sie vor sich her, wahrscheinlich wollten sie sie zu den Killing Fields bei Phnom Penh bringen, den Hinrichtungsstätten. "Ich floh", sagt Vann Nath, "und geriet ins Kreuzfeuer. Ich habe mich in einem Loch versteckt, das die Bombe einer B-52 in den Boden gerissen hatte." Das Loch hat ihm das Leben gerettet. Er kehrte zurück in sein Dorf. Seine Frau lebte noch, die Söhne waren tot.

Seither malt Vann Nath Szenen der Folter, Szenen vom "Hügel der giftigen Bäume". Er verarbeitet die Bilder in seinem Kopf. Still. Ohne Wut. Ohne Rachegelüste. Aber mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit. "Das Urteil über Duch steht nur dem Gericht zu", sagt er, "nicht mir."

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