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Kambodscha und die Roten Khmer:1361 Tage Terror

Zwischen 1975 und 1979 töteten Pol Pot und die Roten Khmer in Kambodscha ein Viertel der Bevölkerung. Ideologie, Kampf und Fall eines Schreckensregimes in Bildern.

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Kaing Guek Eav

Quelle: ap

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30 Jahre nach der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha ist das erste Urteil gegen einen der Verantwortlichen ergangen. Der berüchtigte Gefängnischef Kaing Guek Eav, genannt Duch, ist Ende Juli wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Duch leitete das unter dem Kürzel S-21 bekannte Foltergefängnis Toul Sleng, in dem bis zu 16.000 Männer, Frauen und Kinder als angebliche Staatsfeinde zu Tode gequält wurden.

Texte: Irene Helmes/bavo/cmat/mati/AP (Foto: AP)

Kaing Guek Eav 2007, AP

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Am 17. Februar 2009 muss Duch zum ersten Mal vor dem Sondergericht am Rande der Hauptstadt erscheinen. Als bislang einziger der Kader äußert er Reue für seine Taten. Zu verantworten hat er vor allem den Horror des Foltergefängnisses Tuol Sleng.

Außer ihm werden vor dem Tribunal noch vier weitere angeklagt: Pol Pots einstiger Stellvertreter Nuon Chea, der früheren Staatschef Khieu Samphan sowie der ehemalige Außenminister Ieng Sary und dessen Frau Ieng Thirith.

Das Bild zeigt Duch bei einer Anhörung am 20. November 2007 in Phnom Penh. (Foto: AP)

Gedenkstätte Toul Sleng, AP

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Drei Jahre, acht Monate, 20 Tage. Diese Zeit brauchten die Roten Khmer, um jeden vierten Kambodschaner ins Grab zu bringen - durch Zwangsarbeit, Hunger, Folter, Hinrichtung. 1,8 Millionen Menschen kostete die Herrschaft von Pol Pot zwischen dem 17. April 1975 und dem 7. Januar 1979 das Leben.

30 Jahre später beginnt in der Hauptstadt Phnom Penh der erste Prozess gegen einen der damaligen Kader. Kaing Guek Eav, genannt Duch, und vier weitere sollen in nächster Zeit vor dem Tribunal zur Rechenschaft gezogen werden.

Die tragische Zeit der Roten Khmer in Bildern.

Im Toul Sleng Völkermord-Museum in Phnom Penh erinnert eine Landkarte aus Schädeln von Opfern der Roten Khmer an deren blutige Herrschaft./ Foto: AP

Pol Pot, dpa

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Pol Pots Weg begann unspektakulär.

1949, bevor er seinen Kampfnamen "Bruder Nr. 1" annahm, zog der 21-jährige Saloth Sar mit einem staatlichen Stipendium nach Paris, um Radioelektronik zu studieren. Dort entdeckte er in einem marxistischen Arbeitskreis die Politik. Drei Jahre später kehrte er nach Kambodscha zurück - sein Stipendium hatte er wegen Agitation verloren.

Nun ließ er sich auf dem Land von Viet Minh, Unabhängigkeitskämpfern aus dem Nachbarland Vietnam, ausbilden. In der Hauptstadt wurde er 1963 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt - und flüchtete kurz darauf in den Dschungel im Nordwesten. Im folgenden blutigen Guerillakrieg gegen die Regierung radikalisierten sich die Roten Khmer immer stärker, während ...

Pol Pot auf einer undatierten Aufnahme/ Foto: dpa

Amerikanische Soldaten bei Kämpfen an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze, AP

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... die einstige französische Kolonie Kambodscha immer mehr in den Vietnamkrieg hineingezogen wurde. Am 18. März 1969 fielen die ersten amerikanischen Bomben auf das Land. Unter Codenamen wie Breakfast, Dinner und Dessert flog die US-Armee Tausende Angriffe auf das Grenzgebiet, in dem kommunistische Guerillakämpfer der Vietcong vermutet wurden.

Im März 1970 wurde Prinz Sihanouk durch seinen eigenen General und Premierminister Lon Nol in einem Staatsstreich abgesetzt. Nun übernahm dieser - von den USA gestützt - die Macht in Phnom Penh.

In den folgenden Jahren eskalierte der Bürgerkrieg, Hunderttausende starben, zudem flohen unzählige vor den Ausläufern des Vietnamkriegs vom Land in die Hauptstadt.

US-Soldaten an der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam im Gefecht mit Angehörigen der Vietcong./ Foto: AP

Kissinger und Nixon 1973, AP

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So trifft nicht zuletzt die USA die Schuld an den folgenden Ereignissen. Dieses harte Urteil fällte der entmachteten Prinz Sihanouk: "Zwei Männer sind für die Tragödie Kambodschas verantwortlich: Mr. Nixon und Mr. Kissinger. Lon Nol war nichts ohne sie, und die Roten Khmer waren nichts ohne Lon Nol. Mr. Nixon und Mr. Kissinger gaben den Roten Khmer unbeabsichtigte Hilfe, weil das Volk die kommunistischen Patrioten gegen Lon Nol unterstützen musste."

US-Außenminister Henry Kissinger und US-Präsident Richard Nixon, 1973./ Foto: AP

Nuon Chea, Vorn Vet, Ieng Sary (halb verdeckt) und Pol Pot, AP

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Am 17. April 1975 war es soweit: Die Roten Khmer, die sich selbst "Angkar" (Die Organisation) nannten, eroberten mit Hilfe Nordvietnams Phnom Penh. Während Lon Nol die Flucht gelang, wurden Tausende seiner Leute in der Folge ermordet.

Alles ging ganz schnell: Innerhalb weniger Stunden wurde die Hauptstadt, in der sich inzwischen etwa 3,5 Millionen Einwohner und Flüchtlinge drängten, gewaltsam evakuiert. Opposition sollte so im Keim erstickt werden. Pol Pot und seine Genossen ließen die Telefonleitungen kappen, den Postverkehr ins Ausland einstellen, diplomatische Beziehungen einfrieren und die Grenzen verminen.

Der Umsturz im Inneren war radikal: Handel wurde verboten, alle Bildungseinrichtungen über Grundschulniveau sowie fast alle Krankenhäuser geschlossen, die Nationalbibliothek in einen Schweinestall verwandelt. Phnom Penh wurde zur Geisterstadt. Denn die Vision der Roten Khmer ...

Führungsriege: Pol Pots Stellvertreter Nuon Chea, Vorn Vet, Außenminister Ieng Sary (halb verdeckt) und Pol Pot am Flughafen von Phnom Penh./ undatiertes Foto: AP

Feldbau, AP

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... sah eine Zukunft auf dem Land vor. Neben der Auslöschung jeglicher Opposition waren Verdörflichung und Kollektivierung die vordringlichen Ziele der "Angkar". Nach ihrer Ansicht waren die Menschen in den Städten entweder Klassenfeinde oder Deserteure des Befreiungskampfes.

Ab sofort wurde zwischen "Alten Leuten" (alteingesessenen Bauern) und "Neuen Leuten" (vor allem die bisherige Stadtbevölkerung) unterschieden. Letztere wurden nun zur Arbeit auf dem Feld gezwungen. So rasch wie möglich sollten Bewässerungsanlagen und Terrassen zum Reisanbau geschaffen werden. Der Beginn eines mörderischen Systems.

Foto: AP

Gemälde zeigt Exekution durch Rote Khmer, dpa

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Jeden Tag bis zu 20 Stunden Knochenarbeit mit einfachsten Werkzeugen, Hungerrationen und Krankheiten wie Malaria kosteten Hunderttausende das Leben.

Diese Auslöschung durch Arbeit übertraf noch die Zahl der Toten durch Folter und Hinrichtung. Opfer der systematischen Vernichtung waren neben angeblichen Verrätern und Oppositionellen besonders Angehörige ethnischer Minderheiten - wie Vietnamesen, Chinesen und die muslimischen Cham.

Zum Symbol der Schreckensherrschaft wurde das Foltergefängnis Tuol Sleng in Phnom Penh, einst ein Mädchengymnasium, nun genannt S-21. Mehr als 14.000 Menschen wurden zwischen 1975 und 1979 dorthin gebracht - nur sieben überlebten.

Ein Gemälde im Völkermord-Museum von Phnom Penh zeigt Verbrechen der Roten Khmer./ Foto: dpa

Tuol Sleng Museum, Reuters

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Die Roten Khmer nahmen es dabei mit der Aktenführung sehr genau, und so sind Einzelschicksale dokumentiert, die im heutigen Museum von Tuol Sleng zu besichtigen sind.

Eine Mitarbeiterin des Museums zeigt ein Foto von Huot Bophana, die ebenso wie ihr Freund Ly Sitha ins S-21 gebracht wurde. Die Liebesbriefe der beiden wurden in der Paranoia der Sicherheitsbehörden als Geheimbotschaften von CIA-Spionen gedeutet. Beide wurden monatelang gefoltert und schließlich totgeschlagen.

Foto: Reuters

Pol Pot in Peking 1977, AP

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Die Roten Khmer pflegten einen radikalen Maoismus und bemühten sich um gute Kontakte zur Volksrepublik China.

Gegen den Nachbarn Vietnam dagegen wurde eine kriegerische Politik verfolgt: Die radikalnationalistische "Angkar" zerstörte im Zuge der geplanten "Rückeroberung" Südvietnams unter der Parole "Heim ins Reich" ganze Dörfer an der Grenze - eine Bumerang-Strategie.

Vietnam unterstützte immer intensiver den noch nicht ganz erstickten Widerstand in Kambodscha und eroberte schließlich nach einer 16-Tage-Offensive die Hauptstadt. Am 8. Januar 1979 rief eine neue Regierung die "Volksrepublik Kambodscha" (VRK) aus.

Der zweite Vorsitzende des chinesischen ZK, Deng Yiaoping, verabschiedet Pol Pot nach einem Besuch in Peking 1977./ Foto: AP

Gedenkstätte im Nordwesten Kambodschas, dpa

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Pol Pot und seine Roten Khmer flohen zumeist nach Westen Richtung Thailand und ließen ein zerstörtes Land zurück - wollten sich aber weiter nicht geschlagen geben. Nach der Niederlage im Januar 1979 ...

Überreste von Opfern in einer Völkermord-Gedenkstätte im Nordwesten Kambodschas/ Foto: dpa

Pol Pot Interview 1998, AP

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... verkündeten Pol Pot und seine Anhänger ein neues Programm. Nun sollte nicht mehr der Sozialismus das Ziel sein, sondern die Gewährung individueller Freiheiten und die Errichtung einer sozialen Marktwirtschaft.

Der Kampf gegen die Vietnam-freundliche Volksrepublik führte schließlich zu einem verblüffenden Zweckbündnis: Am 22. Juni 1982 tat sich Pol Pot mit seinem einstigen Feind, dem geflohenen Prinzen Sihanouk, und anderen Widerständlern zusammen. Das Gespann konnte sogar die UN auf seine Seite ziehen. Neue Guerilla-Kämpfe erschütterten das Land, bis Vietnam 1989 seine Truppen abzog. 1993 wurden schließlich unter Aufsicht der UN Wahlen durchgeführt, Sihanouk wurde erneut Staatsoberhaupt.

Im Juni 1997 wurde Pol Pot von seinem früheren Waffenbruder Ta Mok von der Führungsposition der Roten Khmer verdrängt und einem Revolutionstribunal überstellt. Es folgte ein Urteil zu lebenslanger Haft als Verräter.

Pol Pot bei einem Interview 1998 in der Nähe von Along Veng./ Foto: AP

Einäscherung Pol Pots 1998, dpa

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Am 5. April 1998 starb Pol Pot in Along Veng. Als offizielle Todesursache wurde Herzversagen angegeben.

Kurz darauf wurde im Dschungel Kambodschas in einer winzigen Zeremonie der Leichnam eines der grausamsten Herrschers des 20. Jahrhunderts verbrannt - im Beisein einiger Kämpfer der Roten Khmer, auf einem Scheiterhaufen aus Autoreifen, seiner Matratze und seinem Lieblingsstuhl.

Foto: dpa

Ta Mok, dpa

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Ein Jahr darauf, im März 1999, wurde der letzte Anführer der Roten Khmer verhaftet - Ta Mok, genannt "der Schlächter". Auch er lehnte Verantwortung für die begangenen Gräuel ab.

Der gegen ihn geplante Prozess wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verzögerte sich mehrmals und fand am Ende nie statt: Ta Mok starb am 21. Juli 2006.

Ta Mok bei einer Vernehmung in Phnom Penh im März 1999/ Foto: dpa

Rote Khmer, dpa

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Am 9. Februar 1999 schlossen sich die letzten Kämpfer der Roten Khmer offiziell der Armee Kambodschas an. Mehr als 1000 Kämpfer tauschten ihre traditionellen schwarzen Kampfanzüge gegen die Uniform - und beendeten so den jahrzehntelangen Bürgerkrieg.

Foto: dpa

Sihanouk und Königin Norodom Monineath auf Plakaten 1999, Reuters

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Einer überlebte die blutigen Jahrzehnte seines Landes am Ende unbeschadet - Norodom Sihanouk. Toleriert von der Kolonialmacht Frankreich, entmachtet von General Lon Nol, im Zweckbündnis mit den Roten Khmer, von diesen unter Hausarrest gestellt und ab 1982 wieder mit ihnen in einer Zweckallianz, war er 1993 zum König und Staatsoberhaupt der konstitutionellen Monarchie von Kambodscha gewählt worden.

Am 7. Oktober 2004 kündigte der Monarch aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt an. Seine Politik zwischen Opportunismus, Repression und dem Streben nach nationaler Unabhängigkeit Kambodschas bleibt in zwiespältiger Erinnerung. Sein Nachfolger ist sein Sohn, Norodom Sihamoni.

Plakate zeigen im König Norodom Sihanouk und Königin Norodom Monineath, 1999/ Foto: Reuters

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