Jungfrauentests in Ägypten Nicht schuldig - im Sinne des Militärgerichts

Schläge, Elektroschocks, massive Eingriffe in die Intimsphäre - ägyptische Frauen haben während der Proteste gegen das Militärregime Fürchterliches durchlitten - und sollten als Prostituierte bloßgestellt werden. Jetzt folgte für Aktivistinnen aus Kairo der nächste Schock: Ein Armeearzt wurde freigesprochen, der umstrittene Jungfrauentests durchgeführt haben soll.

Samira Ibrahim wollte siegen - für die Ägypterinnen, für sich selbst, für ihr Land. Doch als sie am Sonntag vor dem Militärgericht in Kairo steht, kann die junge Frau mit dem lilafarbenen Kopftuch ihre Tränen nicht zurückhalten. Umringt von Journalisten, Passanten und Unterstützern realisiert sie, dass ein wichtiger Kampf verloren ist.

Samira Ibrahim nach dem Freispruch für den Militärarzt. Die Aktivistin fordert seit einem Jahr Gerechtigkeit für die Opfer von Jungfrauentests ein - auch sie selbst soll gefoltert worden sein.

(Foto: AFP)

Wenige Minuten zuvor hatte das ägyptische Armeegericht den Arzt Ahmed Adel vom Vorwurf der "Obszönität in der Öffentlichkeit" freigesprochen. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass überhaupt keine Jungfräulichkeitstests durchgeführt worden seien. Die Begründung: widersprüchliche Zeugenaussagen. Das ist alles andere als stichhaltig. Ein anderes Gericht, das Verwaltungsgericht in Kairo, hatte der Betroffenen Ibrahim bereits recht gegeben und im Dezember die umstrittenen Jungfräulichkeitstests gestoppt. Doch dieses neue Urteil kann nicht angefochten werden.

Ibrahim hatte den Militärarzt angezeigt. Vor einem Jahr, der langjährige Präsident Hosni Mubarak war bereits gestürzt, die Macht lag in den Händen des Militärrats, soll die damals 25-Jährige nach ihrer Festnahme auf dem Tahrir-Platz unter dem Gejohle von Soldaten dem sogenannten Jungfräulichkeitstest unterzogen worden sein. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) ist davon überzeugt, dass Ibrahim nicht die Einzige war - mindestens 17 weitere Frauen sollen in dem Militärgefängnis al-Heikstep gefoltert worden sein. Betroffene sagten zu Amnesty, dass man sie gezwungen habe, sich auszuziehen, während die Soldaten sie fotografierten. Und dann testete ein Militärarzt die Unberührtheit der Aktivistinnen. Mit der Hand muss er dazu in die Vagina eingedrungen sein. Gemeinhin ist das ohne Einwilligung der Betroffenen als Vergewaltigung anzusehen. Diejenigen, die keine Jungfrauen mehr seien, würden der Prostitution angeklagt, soll man den Frauen gedroht haben.

Die Armee hatte die Vorwürfe schon kurz nach Bekanntwerden zurückgewiesen. Später rechtfertigte dann allerdings ein General im Interview mit dem US-Fernsehsender CNN die Jungfrauentests: "Wir wollten nicht, dass sie hinterher sagen, wir hätten sie sexuell belästigt oder vergewaltigt." Ein anderer ägyptischer General verteidigte das Vorgehen zu CNN wie folgt: "Die Mädchen, die festgenommen wurden, waren nicht wie deine oder meine Tochter." Die Mädchen hätten mit männlichen Demonstranten auf dem Tahrir-Platz gecampt. Außerdem habe man Molotowcocktails und Drogen bei ihnen gefunden.

Auch der freigesprochene Militärarzt Adel hat eine Erklärung parat: Nach der Urteilsverkündung sagte er zu Pressevertretern, dass sein Fall nur auf Drängen der Medien und ausländischen Organisationen wie AI vor Gericht gekommen sei. Deren Motive halte er für fragwürdig.

Scharfe Kritik an dem Urteil übt die Menschenrechtsorganisation Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR), die Ibrahim vertritt. Im Gespräch mit dem Guardian sagte die stellvertretende Direktorin von EIPR, Soha Abdel-Aty, dass sie kein Vertrauen in das Militärgericht habe, da es nicht unabhängig sei. Weiter sagte sie: "Das Ganze ist eine Show, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass überhaupt eine Untersuchung stattgefunden hat."

Die Betroffene selbst will sich dem Urteil des Militärgerichts nicht beugen, sie will weiterkämpfen: "Niemand hat meine Ehre angegriffen. Es war Ägyptens Ehre, die angegriffen wurde und ich werde bis zum Ende weitermachen, um seine Ehre wiederzugewinnen", kommentierte Ibrahim den Freispruch noch am selben Tag auf Twitter. Und für kommenden Freitag, den ägyptischen Frauentag, ist ein Marsch zu Kairos Oberstem Gerichtshof geplant.