Junge Nationalisten in Frankreich Wir sind die neuen Rechten

Junge Anhänger des Front National in Paris

(Foto: Benoit Tessier/Reuters)

Sie sind gegen die EU, gegen Immigration und Feminismus. In Frankreich entsteht eine rechte Jugendbewegung, die längst die Universitäten erreicht hat. Zu Besuch bei jungen Franzosen, die ihr Land verändern wollen.

Von Felix Hütten und Thorsten Glotzmann

Mittelfinger, Hupe, ein lauter Schrei, die Botschaft ist klar. Ein Rollerfahrer knattert an der Parteizentrale des Front National vorbei und gibt zu verstehen, was er von den jungen Rechten hält, die gerade an der Tür klingeln. Genau deshalb haben sie kein Schild an der Tür, keine Flagge, kein Emblem. Im Eingang zur Pariser Parteizentrale steht auf einem Messingschild: Forum.

Es ist spät am Nachmittag in der Rue Jeanne D'Arc, die letzten Sonnenstrahlen treffen die Bronzestatue von Frankreichs Nationalheldin im 13. Pariser Arrondissement. Die Müllabfuhr schleppt sich den Berg hinauf. Schwarze Müllmänner in grün-grauen Hosenanzügen leeren die Tonnen vor dem Forum des Front National. "Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg", wird man später von den jungen Nationalisten hören. Oder auch: "Viele Ausländer sind gefährlich."

Ausgerechnet hier also, in der Rue Jeanne d'Arc, hat der rechtspopulistische Front National (FN) sein Forum eingerichtet, eine Zwei-Etagen-Wohnung. Jeden Mittwoch treffen sie sich, junge Nationalisten, Le-Pen-Anhänger, die jüngsten sind 17, keiner älter als Mitte 30. Als Mathilde Androuët den Raum betritt, begrüßt sie ein Kollege mit "Ah, die Frau Präsidentin". Ein Scherz, irgendwie. Mathilde trägt ein schwarzes Kleid, schwarze Locken, schwarze Ballerinas, ein charmantes Lächeln.

Ein Drittel der FN-Mitglieder ist jünger als 30

Die 29-Jährige gehört seit zwei Jahren zum Führungstrio der Jugendorganisation des Front National, der bei den Europawahlen im Frühjahr besonders bei jungen Wählern erfolgreich war. Jeder Dritte unter 35 gab seine Stimme der Partei von Marine Le Pen, Spitzenkandidatin und Tochter des Parteigründers Jean-Marie Le Pen. Ein Drittel der FN-Mitglieder ist laut Partei jünger als 30, der Junge Front National hat nach eigenen Angaben 25 000 Mitglieder. Zum Vergleich: Die Jungen Sozialisten zählen 7500 Mitglieder, nicht einmal ein Drittel.

Längst punktet der Front National nicht mehr nur auf dem Land. Seine jungen Wähler studieren an Pariser Universitäten, sie haben die politischen Eliten satt, ihre Skandale und Affären. Frankreichs Jugend rückt nach rechts. Was sie bewegt, ist mehr als nur die Angst vor Arbeitslosigkeit.

Im Forum des Jungen Front National bedecken Bücherregale die Wände. Bücher über die Kriege Frankreichs und die angeblichen Verbrechen der Nationalen Befreiungsfront, die 1962 die Unabhängigkeit Algeriens erreichte. An einem langen Holztisch sitzen junge Männer. Sie reden über die Uni, Nebensächliches. Küsschen links, Küsschen rechts, dann steigt Mathilde die Treppen hinauf in den ersten Stock und setzt sich an einen Schreibtisch. An der Wand: Wahlplakate von Marine Le Pen. Neben Mathildes Schreibtisch steht die Trikolore, Blau, Weiß, Rot.

Marine Le Pen will der Partei den Teufel austreiben

Mathilde begann sich für den Front National zu engagieren, weil sie sich nicht mehr wohlfühlt in ihrem Land. Sie hat Politik an der Pariser Universität Sciences Po studiert. "Beim Front National hatte ich anfangs einen Decknamen", sagt sie. "Auch um meine Familie zu schützen." Doch Marine Le Pen hat zur "dédiabolisation" aufgerufen, sie will der Partei den Teufel austreiben: Niemand muss sich für seine Haltung schämen. Junge FN-Wähler im Land, steht zu eurer Meinung! - das ist die Botschaft.

Wie Mathilde sind viele junge Franzosen frustriert, ihr Ärger richtet sich gegen die "classe politique", die politische Elite, die das Land seit Jahrzehnten regiert und ein trauriges Bild abgibt: Präsidenten, die Arbeitsplätze versprechen - und ihre Versprechen nicht halten und sich, wie François Hollande, mit öffentlich diskutierten Beziehungsgeschichten lächerlich machen. Minister, die Steuern hinterziehen und zurücktreten müssen.

Französinnen protestieren gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

(Foto: dpa)

Die Pariser Politik scheint mit sich selbst beschäftigt zu sein. Junge FN-Wähler klagen, die Politik helfe schwarzafrikanischen Flüchtlingen, den Illegalen "sans papiers", aber nicht der eigenen Jugend. Mathilde sagt: "Wir müssen der Jugend im Land wieder mehr Einfluss geben. Wer die Jugend vergisst, vergisst die Zukunft."

Der Front National spricht die Jugend in den sozialen Netzwerken an. Bei Facebook haben die jungen Rechten knapp 70 000 Likes. Tendenz steigend, kaum ein Tag vergeht ohne Post. Den Jungen Sozialisten folgen dort etwa 20 000 Leute. Mit charismatischen Kandidaten wie Mathilde gelingt es der FN-Parteiführung in gewissen Kreisen, das Image der rassistischen, rückwärtsgewandten Partei abzulegen.

Junge FN-Politiker widersprechen, wenn man sie als "rechtsextrem" beschreibt, sie bezeichnen sich selbst als "patriotisch". Patriotismus: Das neue Etikett klingt staatstragend, solide und selbstbewusst, auch wenn der Front National weiterhin sehr geschickt mit den Ängsten der Menschen spielt.

"Ich will nicht tatenlos zusehen, wie Frankreich langsam untergeht"

Mathilde will sich nicht länger verstecken, ihren echten Namen verrät sie wie ihre Sicht der Dinge: "Wenn ich morgen Präsidentin wäre? Als Erstes würde ich die Grenzen schließen." Sie will mehr Sicherheit, vor allem in den Banlieues, jenen Vororten der großen Städte, in denen die Mieten niedrig sind und die Armut hoch ist. Mathilde lebt selbst in einem solchen Vorort und traut sich abends nicht mehr allein auf die Straße.

Sie hat Angst, auch vor Ausländern. Sie sagt: "Ich will nicht tatenlos zusehen, wie Frankreich langsam untergeht." Und so steht Mathilde für einen Aufbruch, den sich Millionen Franzosen seit Langem wünschen: Schluss mit Politik von oben, Schluss mit dem Diktat aus Brüssel, Schluss mit Multikulti.

Ins Forum in der Rue Jeanne d'Arc kommen aber keineswegs nur "Français de souche", sogenannte Urfranzosen, deren Familien seit Generationen in Frankreich leben. Der 29-jährige Julien zum Beispiel hat einen portugiesischen Vater, ist aber "zu hundert Prozent Franzose", wie er sagt. Die doppelte Staatsbürgerschaft möchte er am liebsten sofort abschaffen.