Israel Streit-Kräfte

Oberst Eyal Karim soll Chef-Rabbiner in der Armee werden, damit würde der Einfluss der Frommen wachsen.

(Foto: Reuters)

Oberst Eyal Karim soll neuer Chef-Rabbiner der israelischen Armee werden - über die Personalie wird heftig gestritten.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Wer in der israelischen Armee das hohe Amt des Chef-Rabbiners bekleiden will, der sollte ebenso fromm wie kampferprobt sein. Oberst Eyal Karim, dessen weißer Bart sich weit hinab auf der Uniform kräuselt, schien also der ideale Mann zu sein für diesen Posten. Schließlich hat er bei den Fallschirmjägern gedient und später eine ansehnliche Laufbahn als Torah-Gelehrter eingeschlagen. Gadi Eidenkot, der Generalstabschef, ging deshalb gewiss von einer treffsicheren Wahl aus, als er zu Wochenbeginn den 59-Jährigen als neuen Chef-Rabbiner benannte. Doch kaum war dies bekannt gemacht, wurde der fromme Kämpfer von seiner Vergangenheit eingeholt in Form von derben Sprüchen, die nicht zum Geist der Armee passen wollen. Nun ist die Aufregung groß - und auf dem Prüfstand steht nicht nur Rabbi Karim, sondern überhaupt die Beziehung zwischen Religion und Militär.

Es ist tatsächlich haarsträubend, was an Zitaten von Karim ausgegraben wurde. Die meisten stammen aus den Jahren 2002ff, in denen er von der Warte der Halacha, des jüdischen Rechts aus die Leser einer frommen Webseite namens "Kipa" belehrte. In der Kolumne "Frag den Rabbi" äußerte er sich unter anderem zu Vergewaltigungen durch Soldaten in Kriegszeiten mit der Ansicht, dass es zur Hebung der Kampfmoral nicht unbedingt verboten sei, "eine üble Neigung zu befriedigen, in dem man mit einer attraktiven Nichtjüdin gegen ihren Willen zu liegen kommt". Jahre später distanzierte er sich davon, alles sei aus dem Zusammenhang gerissen und so weiter. Aber die Liste seiner Fehltritte ist lang.

Ein Zitat des designierten Chef-Rabbiners klingt nach einem Aufruf zur Befehlsverweigerung

Schwule und Lesben zum Beispiel hat er als "krank und deformiert" bezeichnet. Terroristen sind für ihn "wie Tiere", verwundete Attentäter sollten sofort getötet werden. Frauen, die in Israel ebenso wie Männer der Wehrpflicht unterliegen, seien beim Militär "vollkommen verboten", urteilte er. Sorgen macht er sich dabei vor allem um die Männer, die dann "ihre Augen nicht von ihnen lassen können". Als Tiefschlag für die Moral der Truppe erscheint allerdings eher Karims Einschätzung, dass Soldaten "einen Befehl, der der Halacha widerspricht, nicht befolgen sollen". Das klingt nach einem Aufruf zur Befehlsverweigerung.

Bei der Armeeführung hatte man es offenbar versäumt, Rabbi Karim vor seiner geplanten Ernennung zu googlen. Sofort wurde er einbestellt, danach gab es zur Schadensbegrenzung eine Erklärung mit einer Entschuldigung des Rabbiners und ein paar Klarstellungen. Natürlich habe er nie Vergewaltigungen gutgeheißen, "es gibt weder in Kriegs- noch in Friedenszeiten eine Lizenz zum sexuellen Missbrauch". Auch unterstützt Karim nun ausdrücklich den Militärdienst von Frauen.

Doch so einfach lässt sich der Geist wohl nicht wieder zurück in die Flasche verbannen. Denn diese Affäre hat auch ein Schlaglicht darauf geworfen, welch zersetzenden Einfluss die Religion auf das Militär haben kann. Seit der Staatsgründung galt die Armee als Hort des Säkularen. Das Militär-Rabbinat war traditionell vor allem für die Betreuung gläubiger Soldaten zuständig und hatte darauf zu achten, dass koscher gekocht und am Sabbat möglichst geruht wird. Doch die Armee hat sich gewandelt, seitdem immer mehr national-religiöse Soldaten, die der Siedlerbewegung nahestehen, in die Offiziersränge drängen. Das Rabbinat nimmt dabei nicht mehr nur religiöse, sondern zunehmend auch ideologische Positionen ein. Das geht so weit, dass in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert wurde, wer die größere Autorität darstellt für die frommen Soldaten: der militärische Vorgesetzte oder der Rabbi. Nach den Regeln der Armee kann und darf dies keine Frage sein. In der Praxis jedoch ist der mögliche Zwiespalt nicht geklärt.

Veränderungen im inneren Gefüge der Armee werden nicht zuletzt in Kriegszeiten deutlich. Im Gaza-Krieg von 2009 hatte es noch einen Skandal gegeben, als bekannt wurde, dass die Armee-Rabbiner an die Soldaten nicht nur Gebetsschals, sondern auch Broschüren verteilten, die den Waffengang Kritikern zufolge zu einer Art jüdischem Dschihad veredelten. Beim Gaza-Krieg 2014 störte sich dann kaum noch einer daran, dass die Geistlichen überall an der Front Präsenz zeigten und die Soldaten mit flammenden Vergleichen zum Überlebenskampf des jüdischen Volkes in biblischen Zeiten anstachelten.

Der Kulturkampf, der die israelische Gesellschaft zunehmend spaltet, hat also längst auch die Armee erreicht - und die Affäre um den neuen Chef-Rabbiner hat das wieder deutlich gemacht. Nun verlangen mehrere Parlamentsabgeordnete vor allem aus dem linken Spektrum, von der Ernennung Karims schleunigst Abstand zu nehmen. Aus dem Lager der Rechten und Religiösen aber kommt lauter Applaus für Rabbi Karim, der auf dem neuen Posten zum Brigadegeneral befördert werden soll.