Irland in der Krise Ein stolzes Land fühlt sich wie ein müder Gaul

Ausgerechnet das stolze Irland braucht EU-Milliarden - deshalb rauscht die Regierung in die Krise. Es drohen Neuwahlen. Viele Iren fühlen sich entehrt und reagieren mit Galgenhumor.

Von Michael König

"Alright, folks", sagte der Stadtführer und der Minibus setzte sich in Bewegung. Ob die deutschen Touristen auch etwas über die wirtschaftliche Lage Irlands erfahren wollten?

Der irische Ministerpräsident Brian Cowen steht unter Druck: Weil Irland "einige zehn Milliarden Euro" Hilfe braucht, halten ihm Opposition und Medien vor, versagt zu haben.

(Foto: AP)

Der Guide wartete die Antwort nicht ab, sondern fuhr gleich seinen Zeigefinger aus: Achtung, Nobelkarossen auf der linken Seite. Achtung, eine Neubausiedlung auf der rechten. Die aktuellen Immobilienpreise in Dublin hatte er im Kopf. Hin und wieder schaute er in den Rückspiegel, um ehrfürchtige Blicke der Nachbarn aus dem verarmten Deutschland zu erhaschen.

Der Stadtführer war keine Ausnahme. Das Selbstbewusstsein in Irland war groß, Anfang des Jahrtausends, als der Rest der Welt vom "keltischen Tiger" schwärmte, in Anlehnung an die aufstrebenden "Tiger-Staaten" Südostasiens. Die Iren mochten diesen Titel, sie haben eine Vorliebe für tierische Vergleiche. Und weil das Wirtschaftswachstum lange anhielt, war der keltische Tiger bald so präsent, dass laut der Neuen Zürcher Zeitung nicht wenige Kinder dachten, diese Raubkatze gäbe es tatsächlich auf der Grünen Insel.

"Wie der hässlichste Gaul"

Auch heute wird wieder auf ein Tier verwiesen, wenn es um die Beschreibung der irischen Wirtschaftslage geht. Der Tiger sei tot, stattdessen fühle man sich "wie der hässlichste Gaul" Europas, klagte ein Anrufer in einer irischen Radiosendung. Wie passend, dass Tierschützer in Dublin berichten, derzeit gebe es 20.000 streunende Pferde auf der Insel. Darunter einst wertvolle Rennpferde, ausgesetzt von ihren Besitzern, die die Kosten nicht mehr tragen können.

Die Nation der Pferdenarren ist pleite - und demoralisiert. Spätestens seitdem klar ist, wie viel Geld Irland aus dem EU-Ausland braucht, um liquide zu bleiben (Finanzminister Brian Lenihan spricht von "einigen zehn Milliarden Euro"), herrscht auf der Insel Untergangsstimmung. Nicht wenige sehen die Souveränität des Landes bedroht, andere bezweifeln, ob sich die "nationale Ehre" jemals wiederherstellen lässt.

Der Kotau vor Brüssel lässt die Regierung platzen: Der grüne Koalitionspartner forderte am Montagmittag vorgezogene Neuwahlen im Januar. Damit solle "politische Gewissheit" nach der umstrittenen EU-Hilfe geschaffen werden.

Esel auf Totenwache

Das Boulevardblatt Irish Daily Star erschien mit einem Grabstein auf dem Titel. Die Inschrift: "Our future, killed by wanker bankers and stupid politicians" - unsere Zukunft, getötet von Wichser-Bankern und dummen Politikern. Im Innenteil ist Ministerpräsident Brian Cowen mit Eselsohren zu sehen, darüber prangt die Schlagzeile: "Political donkeys are on death watch" - die Totenwache der politischen Esel.

Cowens Regierung hatte lange gezögert, EU-Hilfen zu beantragen. Den Eindruck, in der Krise auf ausländische Mächte angewiesen zu sein, wollte der Ministerpräsident unbedingt vermeiden. Die Unabhängigkeit ist in Irland das höchste Gut. Dass nun womöglich Finanzexperten aus London und Frankfurt über die Geschicke der Republik entscheiden, weckt Erinnerungen an die historische Dominanz Englands und das damit verbundende Leid.

Erinnerungen an 1916

So erinnerte die Irish Times an den Aufstand militanter irischer Republikaner gegen die britischen Besatzer zum Osterfest 1916 und fragte empört, ob die Rebellen etwa für einen Rettungsring der deutschen Bundeskanzlerin und einen Groschen des britischen Schatzkanzlers gestorben seien. Der Irish Independent schrieb am Montag, das gesamte irische Volk trage in gewisser Weise Schuld an der Krise. Jetzt gehe es darum, die nationale Ehre wiederherzustellen.

Pat Rabbitte, Abgeordneter der oppositionellen Labour-Partei, sprach vielen Landsleuten aus der Seele, als er sagte: "Es gibt keinen Iren, der sich nicht gedemütigt fühlt. Wir übergeben unsere Regierungsgeschäfte für die nächsten Jahre an Leute von draußen."

Auf der nächsten Seite: Innerhalb der Regierungspartei rumort es. Nicht wenige Abgeordnete sähen Finanzminister Lenihan gerne an der Spitze - doch den plagt eine schwere Krankheit.