Internet Operation Spaltung

Facebook hat „Informationsoperationen“ öffentlich gemacht, die offenbar aus Russland durchgeführt wurden.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Laut Facebook schalteten gefälschte Profile aus Russland politische Werbung in dem Netzwerk. So sollten offenbar amerikanische Wähler beeinflusst werden.

Von Jannis Brühl

Früher war Informationskrieg umständlich. Als die Sowjetunion in den Achtzigern die Lüge verbreiten wollte, das HI-Virus sei bei einem gescheiterten Biowaffenversuch in US-Labors entstanden, schmuggelte der KGB einen entsprechenden Aufsatz in eine indische Zeitung. Der interessierte zunächst niemanden. Erst mit mehreren konzertierten Veröffentlichungen zwei Jahre später verbreitete sich der Mythos, für den sich Michail Gorbatschow später entschuldigte. Heute steht jedem, der Propaganda verbreiten will, die größte Abspielfläche der Welt offen: das soziale Netzwerk Facebook.

In einem bemerkenswerten Schritt hat Facebook nun erstmals russische Urheber für "Informationsoperationen" verantwortlich gemacht. Das von Facebook verwendete Wort stammt aus der Militärsprache, es bezeichnet verdeckte Versuche, die öffentliche Meinung beeinflussen. Zwischen Juni 2015 und Mai 2017 seien über etwa 470 Konten etwa 100 000 Dollar für mindestens 3000 Werbeanzeigen ausgegeben worden, hinter denen keine normalen Nutzer standen, erklärte Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos. Dies habe gegen die Richtlinien des Netzwerks verstoßen. Die Konten seien mittlerweile geschlossen. "Unsere Untersuchung legt nahe, dass die Konten und Seiten miteinander verbunden waren und wahrscheinlich von Russland aus betrieben wurden."

Die Anzeigen nahmen nicht direkt auf die US-Wahl Bezug, sondern auf Themen wie Zuwanderung

Bei den meisten der nun gefundenen Anzeigen wurde Stamos zufolge nicht explizit Bezug auf die US-Präsidentenwahl genommen. Vielmehr sei es darum gegangen, "spaltende soziale und politische Botschaften entlang eines ideologischen Spektrums" auszusenden. Thematisch ging es demnach etwa um ethnische Fragen, die Rechte von Homosexuellen, Waffenrecht und Einwanderung. Das würde zur These viele Trump-Gegner passen, dass Russland von der Spaltung westlicher Gesellschaften profitiert: Je geringer das Vertrauen in die repräsentative Demokratie, desto schwächer deren Regierungen - und desto besser für den Kreml. Die russische Propaganda reagierte prompt: Das staatliche Nachrichtenportal Sputnik schrieb, Einwanderung und Rechte für Schwule seien nun einmal Themen, die viele interessierten, Aufregung sei unangebracht.

Facebook stellt sich also hinter die Theorie, der US-Wahlkampf sei von Russland aus durch den Hack des demokratischen Nationalkomitees und eine begleitenden Kampagne in den sozialen Medien beeinflusst worden. Offen bleibt der tatsächliche Einfluss solcher Kampagnen auf Wähler: 100 000 Dollar sind eine vergleichsweise lächerliche Summe angesichts von Facebooks gigantischem Werbeumsatz von 27 Milliarden. Und Trumps Team bestreitet, Facebook-Daten über potenzielle Wähler an Ausländer übergeben zu haben, um diese gezielt auf Facebook mit Information bombardieren zu lassen.

Laut Washington Post informierte Facebook auch den Kongress über seine Erkenntnisse. Der Konzern habe Hinweise auf Verbindungen mancher Konten zu einer berüchtigten "Troll-Fabrik" in St. Petersburg, von der aus ein Heer an Mitarbeitern Propaganda im Internet verbreite. Seine Analyse hat Facebook auch Russland-Sonderermittler Robert Mueller übergeben. Den Begriff "Informationsoperationen" benutzte das Netzwerk erstmals in einem Arbeitspapier im April. Damit räumte Facebook ein, dass es Schauplatz globaler Machtspiele geworden war, nannte aber kein bestimmtes Land als Ursprung der Operationen. In sozialen Netzwerken dienen manche Nutzerkonten laut Facebook als "falsche Verstärker". Sie verbreiten automatisiert politische Botschaften massenhaft weiter, um andere Positionen untergehen zu lassen. Allerdings zieht Facebook auch jetzt keine direkte Verbindung zum Kreml. Der Konzern spricht von russischen Urhebern, was er unter anderem an Spracheinstellungen erkannt haben will. Der letzte Beweis für eine Verwicklung russischer Dienste fehlt.

Auf Facebook ist Wahlwerbung undurchsichtiger als auf Plakaten. Zur Bundestagswahl will das US-Recherchebüro ProPublica gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung den Facebook-Wahlkampf transparenter machen. Wie Leser helfen können, steht unter sz.de/wahlwerbung.