Hitler-Vorbild Karl Lueger Wien hadert mit antisemitischem Stadtvater

Als legendär galt Karl Lueger zu Lebzeiten und auch danach, der junge Adolf Hitler ließ sich vom Judenhass des Wiener Bürgermeisters inspirieren. Noch mehr als hundert Jahre nach seinem Tod erinnern in Wien Denkmäler und Straßennamen an Lueger. Damit soll nun Schluss sein - zumindest ein bisserl.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Ein Platz, drei Gedenktafeln, ein Hof, eine Kirche, ein Brunnen, eine Brücke, mehrere Denkmäler und sogar eine Eiche tragen seinen Namen: Dr. Karl Lueger.

Glühender Antisemit: Der Wiener Bürgermeister Karl Lueger (Mi.) bei einer Ausfahrt in einem Automobil.

(Foto: SCHERL)

Das wird, wenn es nach dem Wiener Gemeindeausschuss für Kultur geht, auch so bleiben. Andererseits sollen etwa 600 Meter Straße, die nach dem Mann benannt sind, im Herbst mit neuen Straßenschildern versehen werden; "Universitätsring" soll der Abschnitt am prächtigen Ring entlang des Burgtheaters und der ehrwürdigen Hochschule dann heißen.

Einige Aktivisten und Politiker machten jetzt schon mal eine Art "Probeaufhängung" des neuen Straßenschildes - und protestierten bei dieser Gelegenheit dagegen, dass die Kommune ihren einstigen Bürgermeister nur stückchenweise aus dem Stadtbild entfernt. Sie forderten daher auch gleich die Umgestaltung des Karl-Lueger-Denkmals. Kunststudenten hatten schon vor Jahren die Idee entwickelt, die Statue um 3,5 Grad nach rechts zu kippen - und den Politiker damit symbolisch vom Sockel zu stoßen.

Denn der renommierte und beliebte Bürgermeister, der zwischen 1897 und 1910 die Stadt regierte, hat nicht nur zahlreiche Großprojekte wie Wasser- und Gasversorgung, Straßenbahnen, den Bau von Krankenhäusern und Altenheimen angestoßen, sondern war auch ein bekennender Antisemit, der die zahlreichen Juden in der mitteleuropäischen Metropole als "Gottesmördervolk" und Wien als "Groß-Jerusalem" beschimpfte.

Wiens Straßenkarte solle nicht "ausgeweißelt" werden

Die Historikerin Brigitte Hamann, die mit ihrem Standardwerk Hitlers Wien die Stadt und ihren Antisemitismus zum Thema machte, schreibt, Lueger habe "mit seinen Hetzreden ein Klima der Verrohung erzeugt". Er prägte maßgeblich auch Hitlers Weltsicht, der in Mein Kampf vermerkte: "Heute sehe ich in dem Manne den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten."

So gewaltig war Lueger, dass die Debatte über eine Umbenennung zumindest der Prachtstraße an der Universität von der Hochschule selbst betrieben werden musste. Die wollte, nach Jahren des Hin und Her, zu ihrem 650. Jubiläum keine Adresse mit einem Antisemiten im Namen haben.

Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betont aber, dass dieser Schritt eine Ausnahme sei: Wiens Straßenkarte solle nicht "ausgeweißelt" werden, Namen, die in der Geschichte eine Rolle gespielt hätten, sollten nicht ausgelöscht werden. Wenn man nicht differenziert vorgehe, so der SPÖ-Mann, dann müsse man ja im Zweifel "ein Viertel aller Benennungen hinterfragen".

Noch mehr unliebsame Namensgeber

Kritiker finden diese Haltung inkonsequent und beklagen, dass sich die Stadt nicht viel intensiver mit der Aufarbeitung der Stadtgeschichte befasse. Adalbert Wagner vom Verein Gedenkdienst sagt, Namensgeber, die dem demokratischen Selbstverständnis Wiens entgegenstünden, müssten entfernt werden, es reichten nicht nur ein paar erklärende Zusatztafeln. Und der grüne Kultursprecher Klaus Werner-Lobo beklagt ironisch, der "aktive Umgang mit der Geschichte" sei leider etwas eher "Unösterreichisches", aber es gebe immer noch viel zu viele Orte, die einer Umbenennung bedürften.

Immerhin: Die Stadt hat eine Historikerkommission eingesetzt, die derzeit etwa 6500 Straßen und Parks nach unliebsamen Namensgebern durchforstet. Der Leiter der Kommission hat schon mal gewarnt, sowohl einige Namen als auch deren Anzahl würden "für viele überraschend sein". Darunter seien manche, die heute "gar nicht mehr vertretbar sind".