Helmut Kohl zum 85. Christophorus Europas

Helmut Kohl ist 85: Bereits vor der Verkündung des Abstimmungsergebnisses beglückwünschen 1982 Parteifreunde den CDU-Vorsitzenden zum neuen Bundeskanzler

(Foto: dpa)

Ein Leben mit Macht: Helmut Kohl ist 85. Er braucht keine Ehrung mehr, um in die Weltgeschichte einzugehen. Er hat sich selbst in sie eingeschrieben.

Von Heribert Prantl

Als Helmut Kohl im Jahr 1969 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde, war er gerade 39 Jahre alt geworden. Er hatte viel Kraft und bisweilen keine Zeit für den üblichen Weg in den Plenarsaal des Landtags. Er nahm dann die Direttissima, stieg aus dem Fenster seines Büros, balancierte über ein Flachdach, kletterte ins Büro des Landtagsdirektors und von dort auf die Regierungsbank. Er galt damals als junger Wilder der CDU.

Alexis Tsipras war ein Jahr älter als damals Kohl, als er vor zwei Monaten zum Ministerpräsidenten von Griechenland gewählt wurde. Es ist nun eine schöne Osterbeschäftigung, sich zu überlegen, wie Kanzler Helmut Kohl mit dem jungen Tsipras, dem Regierungsnovizen, umgegangen wäre: Hätte er ihn, den Linken, mit Spott und Verachtung gestraft und gedemütigt? Hätte er väterliche Gefühle für ihn entwickelt? Wäre Kohl so herablassend gegenüber den Griechen, wie es die Vertreter der EU-Institutionen sind? Oder würde er, um Europa willen, so etwas wie eine Gebrechlichkeitspflegschaft für die Griechen übernehmen?

Kohl hat sich stets um ein respektvolles und herzliches Verhältnis zu den Kleinen in der EU bemüht. Um sie hat er sich so gekümmert, als ob sie sehr groß und sehr mächtig wären; er hat sie hofiert. Kohl hatte ein feines Gespür für den Stolz eines Volkes, eines kleinen zumal, und er hatte hohe Achtung vor den Symbolen, die diesen Stolz verkörpern. Das ist ein Sinn, der vielen EU-Bürokraten abgeht.

Wie beurteilen Sie Kohls Politik rückblickend?

Helmut Kohl gilt als Vater der Einheit. Bei der Wiedervereinigung spielte der damalige Bundeskanzler eine entscheidende Rolle. Jetzt wird er 85 Jahre alt. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht seine Politik in den 80er und 90er Jahren? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Aber Kohl war nie ein Bürokrat - er war ein europabeseelter Sturkopf, ein Staatsmann aus der Provinz, der aus der pfälzischen Heimat seine Kraft schöpfte; und ein Linkenfresser war er vornehmlich im Inland, wenn er im Wahlkampf gegen "die Sozen" giftete. Ansonsten konnte er mit Sozialisten und Kommunisten aus anderen Staaten ausgesprochen gut - zumal dann, wenn ein gutes Verhältnis der europäischen und der deutschen Einheit dienlich war. Der Sozialist François Mitterrand, der französische Präsident, wurde sein Freund.

Von seiner historischen Bedeutung ergriffen

"Aus Sorge um Europa" heißt das kleine Buch, das Kohl im vergangenen November auf der Buchmesse in Frankfurt, umsorgt von seiner zweiten Ehefrau Maike, vorgestellt hat. Es ist eine inbrünstige Schrift; sie hat das Feuer und die visionäre Kraft, die seit dem Ende von Kohls Amtszeit der Europäischen Union mehr und mehr fehlt.

Rekordkanzler und Streitfigur

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Als Kanzler war Kohl von seiner historischen Bedeutung ergriffen. Das verband ihn mit Mitterrand. Und darum haben die beiden Staatsmänner sich verstanden, auch wenn keiner die Sprache des anderen konnte. Helmut Kohl hatte den Krieg erlebt. Er erzählte davon immer wieder: "Ich habe ihn erlebt mit all seinem Schrecken und Grauen - und dann als Fünfzehnjähriger das Kriegsende. Alle Erfahrungen dieser Zeit haben mein weiteres Leben tief geprägt." Mitterrand, der bei Kriegsende 29 Jahre alt war, konnte das geschliffener sagen; er konnte Geschichte noch feierlicher inszenieren als Kohl; aber das Historische hatten sie beide in sich; und aus diesem heraus machten sie ihre Politik, durchaus auch selbstgefällig.