Großbritannien Hitverdächtige Stille

Mohnblumen sind in Großbritannien das Symbol zum Gedenken an die Opfer aller Kriege. In diesem Jahr geht man neue Wege: Auf der Insel wird der Gefallenen mit einer Schweige-CD gedacht.

Von Wolfgang Koydl, London

In England blüht der Mohn im Herbst. Doch diese Blumen sind aus Papier, und sie sprießen nicht auf Feldern und Rainen, sondern auf Anzugkragen, Pullovern und Blusen. Mit roten Poppies erinnern die Briten alljährlich am Remembrance Day an die gefallenen Soldaten aller Kriege. Am 11.11. um 11 Uhr 11 bricht in Großbritannien nicht karnevalistischer Frohsinn aus, sondern es herrscht zwei Minuten Schweigen.

Mit Mohnblumen gedenken die Briten alljährlich der Gefallenen der Kriege, in die das Königreich involviert war.

(Foto: Getty Images)

Diese Gedenkminuten waren der Anlass für eine besondere Idee, mit welcher der Veteranenverband der Royal British Legion in diesem Jahr zusätzlich zum Erlös aus den Ansteck-Mohnblumen Geld zu sammeln hofft. Zu Beginn der Woche stellte er eine Single vor, die man für ein Pfund Sterling auf den MP3-Spieler oder den iPod herunterladen kann. Zu hören sind - zwei Minuten Schweigen. "Anstatt ein Lied einzuspielen, dachten wir, dass die britische Öffentlichkeit die Schärfe des Schweigens und seine klare Verbindung zum Remembrance Day erkennen würde", sagte Chris Simpkins, der Generaldirektor der Legion bei der Vorstellung der Schweige-Single. Sie wird ergänzt durch ein Video, auf dem Prominente wie Premierminister David Cameron und Radiohead-Leadsänger Thom Yorke, aber auch eine Reihe von aktiven Soldaten schweigend in die Kamera blicken.

Die Organisatoren hoffen, dass der Track am kommenden Sonntag die Nummer eins der britischen Charts erklommen haben wird. Die Aussichten dafür stehen nicht schlecht. Nicht nur, weil sich bereits Zehntausende Briten auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite für dieses Ziel ausgesprochen haben. Vor allem liegt es daran, dass der Remembrance Day in Großbritannien eine große gesellschaftliche Bedeutung hat. Dieser bezieht sich - ähnlich wie der deutsche Volkstrauertag - auf die Gräuel des Ersten Weltkriegs und das Andenken an die damals gefallenen Soldaten. Nach vier Kriegsjahren trat am 11. November 1918 um elf Uhr elf der Waffenstillstand in Kraft. Dass der Mohn zum Symbol des Gedenktages wurde, geht auf das Gedicht In Flanders Fields zurück, in dem der kanadische Kriegsteilnehmer John McCrae den Klatschmohn beschrieb, der auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs und Flanderns wuchs.

Den Höhepunkt erreichen die Gedenkveranstaltungen am Sonntag nach dem 11.11., wenn die Spitzen von Staat und Gesellschaft, angeführt von Königin Elisabeth II. und ihrer Familie, am Cenotaph, dem Kriegerdenkmal im Londoner Regierungsviertel Whitehall, Kränze und Gebinde aus Mohnblumen niederlegen. Auch an diesem Remembrance Sunday versinkt das Land elf Minuten nach elf Uhr in Schweigen.

Etwa drei Wochen vorher beginnt der Verkauf der Ansteckblumen, und in manchen Institutionen gilt es als gesellschaftliche Pflicht, sie an die Kleidung zu heften. In der BBC beispielsweise tragen nicht nur Sprecher sondern auch Gäste die Poppies. Als der Sender zu Halloween den amerikanischen Altmetall-Rocker Alice Cooper interviewte, wurde auch ihm gnadenlos eine Mohnblume ans schwarze Outfit gepinnt.

Im Ausland löst die Praxis mitunter Verwunderung, wenn nicht Missstimmung aus. Dies musste Cameron bei seinem gegenwärtigen Besuch in China erfahren. Die Gastgeber nahmen Anstoß an den Mohnblumen an den Anzügen seiner Delegation. Sie erinnerten, hieß es in Peking, an die Opiumkriege, die Britannien im 19. Jahrhundert gegen das Reich der Mitte führte.