Griechenland-Krise Wie Europa sich kaputt polemisiert

Europa ist dabei sich kaputt zu polemisieren. Das gilt für alle Seiten. Weder wollen die Verhandler aus Deutschland, Frankreich und dem Rest der Euro-Gruppe Griechenland an die Wand fahren. Noch wollen uns die Griechen alles nehmen, um mit den frischen Kredit-Euros endlich wieder ein feudales Leben führen zu können. Ganz ehrlich: Feudal haben nur einige wenige Griechen vom Euro gelebt. Und das meist auf Kosten ihrer eigenen Landsleute.

Wären die Politiker ehrlich in Griechenland, würden sie nicht jeden Bockmist, den sie verzapft haben, auf die Euro-Länder abschieben. Wären die Euro-Länder ehrlich, so müssten sie ihren Bürgern sagen, dass sie zu lange tatenlos zugesehen haben, wie die großen Länder im Club - Deutschland, Frankreich und Italien - die Stabilitäts-Kriterien missachtet haben. Der Regelbruch im Euro-Raum ist keine griechische Erfindung. Eher eine deutsche. Deutschland hat schon 1996, noch vor der Einführung des Euro als Hartgeld-Währung, die damals gültigen Konvergenz-Kriterien für die Euro-Einführung verfehlt.

Leiden der Jungen

In den Krisenländern Europas sind es die Jungen, die am meisten leiden. Als historisches Schreckbild wird dabei Deutschland zu Beginn der Dreißigerjahre aufgerufen. Taugt der Vergleich? Von Gustav Seibt mehr ... Analyse

Diese neue Ehrlichkeit würde sich lohnen. Weil es um viel mehr als um eine Währung geht. Rein ökonomisch betrachtet mag es Gründe für oder gegen neue Kredite für Griechenland geben. Für oder gegen einen Verbleib im Euro. Aber Europa ist mehr als ein Wirtschaftsbündnis. Es ist ein Projekt gemeinsamer Werte und Ideen. Eines, das die Logik von Fehden und Feindschaften aufbricht. Was kann es besseres geben?

Es braucht eine politische Union

Um da weiterzukommen, braucht es mehr als eine Wirtschafts-und Währungsunion. Es braucht eine politische Union. Dringender denn je. Mehr Macht für ein demokratisch gestärktes EU-Parlament. Am Ende vielleicht eine vom Parlament getragene europäische Regierung, in der es nicht mehr an erster Stelle um Nationalitäten geht. Sondern stets um das große, das ganze Europa.

Gemeinsame Sozialpolitik, gemeinsame Haushaltspolitik, gemeinsame Verteidigungs-, Sicherheits- und Außenpolitik. Das wäre mal eine Vision. Und nebenbei der wohl einzige Weg, die Gemeinschaftswährung, ja die Europäische Union dauerhaft zu erhalten.

Die Menschen aber sind im Moment für solche Ideen schwer zu begeistern. Wer will ihnen das verübeln? Seit Jahren hören sie die Mär von den bösen Bürokaten in Brüssel, die vor allem vom Politikversagen der nationalen politischen Klasse ablenkt. Geht etwas schief, wie jetzt wohl das Ausländer-Maut-Projekt der CSU, dann war es Brüssel. Läuft es toll, war es immer die eigene Regierung.

Dieser bequeme Alltagspopulismus hat wahrscheinlich mehr Vertrauen zerstört als alle griechischen Regierungen zusammen. Er hat die radikalen Kräfte in Europa erst wachsen lassen, ob es der Front National in Frankreich ist oder die Volkspartei in Dänemark.

Es wird Zeit, dass das endet. Ohne eine positive Vision von einem neuen, starken Europa wird es die EU vielleicht bald nicht mehr geben. Europa würde zerfallen, sich allein den nationalen Egoismen hingeben. Der Wohlstand ist so nicht zu sichern. Und ob der Frieden halten würde, wer weiß. Die Gräuel vergangener Kriege haben die Menschen noch nie davon abgehalten neue Kriege zu führen. Das haben bisher nur Verträge und Bündnisse geschafft. Darin liegt der unermessliche Wert dieses komplizierten, großen und ja, manchmal auch nervigen Europa.

Hat sich das europäische Deutschland zum deutschen Europa entwickelt?

Man wolle in der Euro-Krise keine Lösungen diktieren, sagte Schäuble vor zwei Jahren der SZ. Mit dem "Grexit auf Zeit" und dem Spardiktat hat die Bundesregierung genau diese Führungsrolle in Europa übernommen. Braucht Deutschland mehr europäische Sensibilität? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum