Glauben am Osterfest Die Kraft des Zweifels

Papst Franziskus am Karfreitag.

(Foto: Getty Images)

Selig sind, die nicht zweifeln, sondern glauben? Das passt den obersten Funktionären gut ins Konzept. Sie halten jene, die Finger in Wunden legen, für Störer. Aber darum geht es: Jeder Glaube, jede Ideologie braucht den Zweifel. Er ist ein kluges Korrektiv. Zweifel sind Schutzschild gegen den Fanatismus, Heilmittel gegen aggressive Unduldsamkeit. Doch meist kommen sie zu spät.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Alan Greenspan, der 18 Jahre lang der mächtige Chef der mächtigen US-Notenbank war und an der Weltfinanzkrise, vorsichtig gesagt, nicht unschuldig, bekennt sich zum Atheismus. Wer die wirtschaftswissenschaftlichen Lehren des Mannes kennt, weiß, dass das nicht stimmt. Der Mann hat einen Gott, der nur anders heißt; er hat eine Konfession, die nur nicht zu den klassischen Religionen zählt.

Der Gott des Notenbankers waren der freie Markt und der schrankenlose Wettbewerb. Seine Kirche war die des Kapitals; sein Credo begann mit dem Glaubensbekenntnis an die Kräfte des Marktes, die alles wunderbar regieren, und es endete mit dem Bekenntnis zum ewigen Wachstum.

Greenspan selber hat bekannt, dass jeder Mensch, um existieren zu können, etwas brauche, man könne es "Ideologie" oder "Glauben" nennen, das ihm dann das Funktionieren der Welt erklärt. Die Frage sei halt, ob dieses jeweilige Welterklärungsprinzip richtig sei oder nicht.

Greenspan hätte besser früher gezweifelt

Bei einer Befragung durch den Untersuchungsausschuss des US-Kongresses zur Finanzkrise zeigte sich Greenspan schockiert darüber, einen Fehler in seiner Ideologie gefunden zu haben: Der unbedingte, der absolute Glaube an die segensreiche Kraft der Märkte sei falsch gewesen; sein Welterklärungsmodell habe partiell nicht funktioniert.

Es wäre besser gewesen, Greenspan und seinesgleichen hätten früher gezweifelt. Dann hätten sie sich nicht so radikal geweigert, gefährliche neue Finanzinstrumente zu kontrollieren, dann hätten sie nicht mit billigem Geld die Welt geflutet, dann hätten sie nicht an ihrem Glauben festgehalten, als man schon sehen konnte, dass er in die Katastrophe führt. Der Glaube braucht Zweifel, sonst wird er unkritisch, realitätsverzerrend, rechthaberisch, manipulativ und gefährlich.

Der Zweifel ist ein guter Partner, er ist das kluge Korrektiv von Glaube und Ideologie. Man weiß das aus der Geschichte von Religionen und Weltanschauungen: Ohne jeden Zweifel wird aus Glaube und Ideologie gefährlicher Fundamentalismus. Zweifel sind Schutzschild gegen den Fanatismus, Heilmittel gegen aggressive Unduldsamkeit; meist kommen sie zu spät. Der Zweifel könnte verhindern, dass aus einem Glauben eine menschenfeindliche Lehre wird, er könnte verhindern, dass eine Ideologie sich die Menschen unterwirft. Der Zweifler und Skeptiker ist also kein Verräter am Glauben; er ist freilich nicht ein Leichtgläubiger, sondern einer, der sich das Glauben nicht leicht macht: er will daher nicht nur bekennen, sondern begreifen.

Der Zweifler in der christlichen Ostergeschichte

In der christlichen Ostergeschichte kommt so einer vor. Er heißt Thomas - man nennt ihn üblicherweise den "ungläubigen Thomas", weil er an die Auferstehung des gekreuzigten Jesus zunächst nicht glauben kann. Diesem Thomas geht das, was ihm seine Freunde erzählen, also die anderen Jünger, zu schnell und zu glatt. Thomas sagt, er kann daran nicht glauben, bevor er nicht den Finger in die Wunde legen kann - in die tödliche Wunde des nun angeblich Auferstandenen. Er will also buchstäblich begreifen, er will mit den Händen spüren, dass da derjenige vor ihm steht, den er zuvor hat sterben sehen.

Thomas zählt weder zu den Unbedachten, die niemals zweifeln, noch zu den Bedenklichen, die niemals handeln. Er vertraut nicht blindlings den Erzählungen der anderen, er besteht auf Augenschein, auf Autopsie, als Bedingung seines Glaubens. Das wird ihm üblicherweise als Glaubensschwäche ausgelegt.