Gift-Anschlag auf Juschtschenko Dioxin aus dem Speziallabor

Laut Schweizer Forschern wurde dem ukrainischen Präsidenten Juschtschenko 2004 spezielles Dioxin verabreicht. Damit leben auch die Spekulationen über die Täter wieder auf.

Von T. Urban

Wenige Tage nach einer spektakulären Festnahme im Falle des vor neun Jahren ermordeten Journalisten Georgij Gongadse hat das Präsidialamt in Kiew neue Einzelheiten zu der Dioxin-Vergiftung des heutigen Staatschefs Viktor Juschtschenko im Herbst 2004 bekanntgegeben. Nach einem Bericht des medizinischen Fachblatts Lancet handelte es sich um hochgiftiges Dioxin, wie es nur in spezialisierten Labors hergestellt werden kann.

Juschtschenko war zum Zeitpunkt der Vergiftung Favorit bei den Präsidentenwahlen, er hat die Vergiftung nach Angaben der behandelnden Ärzte in Wien, wohin er als Notfall geflogen worden war, nur dank glücklicher Umstände überstanden. Das Gesicht Juschtschenkos wurde durch das Gift stark entstellt, dank einer Therapie in der Schweiz hat sich die Haut mittlerweile aber wieder beträchtlich geglättet.

Schwer entstellt

Für den Anschlag machen Medienberichte einen früheren General des ukrainischen Geheimdienstes SBU verantwortlich, der sich angeblich nach Russland abgesetzt hat. Konkurrent Juschtschenkos bei der Wahl 2004 war Ministerpräsident Viktor Janukowitsch, der seinerzeit offen von Kremlchef Wladimir Putin unterstützt wurde.

Der Anschlag auf den prowestlichen Juschtschenko, der die Integration der Ukraine in Nato und EU anstrebt, wurde nach vorherrschender Meinung der Kiewer Medien in Moskau geplant. Gegen die offenkundige Fälschung der Wahl zugunsten Janukowitschs gingen im Dezember 2004 Millionen Ukrainer auf die Straße und erzwangen in der "orangenen Revolution" ihre Wiederholung.

Der jetzige Fachbericht soll offensichtlich auch der von einem Teil der ukrainischen Medien in jüngster Zeit verbreiteten Version entgegenwirken, bei dem Anschlag habe es sich um eine Inszenierung gehandelt, mit der die Wahlkampfberater Juschtschenkos bei den Wählern den Mitleidseffekt hätten auslosen wollen.

Nun behaupten politische Gegner Juschtschenkos, die Veröffentlichtung des Berichts solle ihn in der bevorstehenden Wahlkampagne aus dem selben Grunde wieder in die Offensive bringen. Nach den jüngsten Umfragen würden heute kaum mehr als fünf Prozent der Wähler Juschtschenko ihre Stimme geben. Die Präsidentenwahl soll Anfang 2010 stattfinden. Als Favorit gilt Janukowitsch, hinter dem ein Großteil der ostukrainischen Industrieoligarchen steht.

Straffreiheit gegen Loyalität

Nach dem Lancet-Bericht handelte es sich bei dem Gift um die Dioxin-Verbindung TCCD, die auch in dem von den US-Streitkräften in Vietnam versprühten Entlaubungsmittel Agent Orange enthalten ist. Die Studie beruht auf Daten der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt und der Genfer Uniklinik. Das Dioxin sei so rein gewesen, dass es definitiv in einem Labor produziert worden sei. Die Forscher stellten zudem eine massiv verkürzte Halbwertzeit von fast 16 Monaten fest statt der bislang bekannten fünf bis zehn Jahre. Die Wiener Ärzte, die als erste Juschtschenko behandelten, hatten vor fünf Jahren mitgeteilt, es handele sich um die höchsten Dioxinwerte, die jemals bei einem Überlebenden einer derartigen Vergiftung festgestellt worden seien. Sie seien 50.000 Mal höher als normal gewesen.

Nach den bislang der Öffentlichkeit vorgestellten Berichten des Generalstaatsanwalts in Kiew wurde Juschtschenko das Gift bei einem Abendessen mit der damaligen SBU-Führung in die Suppe gerührt. Der Politiker hatte sich bei dem Anlass den SBU-Generälen offiziell als Kandidat für das höchste Staatsamt vorstellen wollen. Da der Fall auch nach Juschtschenkos Sieg bei der Wiederholung der Präsidentenwahl zunächst nicht aufgeklärt werden konnte, vermutetet die Kiewer Presse, der Staatschef habe sich mit der SBU-Spitze auf ein Stillhalteabkommen geeinigt: Straffreiheit gegen Loyalität.