Gewalt gegen westliche Botschaften Sieg der Provokateure

Meinungsfreiheit erlaubt sehr viel, doch der Schmäh-Film über den Propheten Mohammed dient einzig dem Zweck der Beleidigung. Trotzdem entschuldigt nichts das Verhalten des aufgewiegelten Mobs vor der deutschen Botschaft in Khartum. Blindwütige Reaktionen und amerikanische Kraftmeiereien mit Drohnen und Kriegsschiffen werden die Krise aber nur weiter anfachen.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Im September 2005 nahm die unselige Saga um die Mohammed-Karikaturen ihren Ausgang, die heute eine schlimme Wiederholung erfährt. Damals wie heute galten und gelten ein paar Grundsätze - für den Westen insgesamt, und insbesondere für Dänemark und für die USA, wo die jeweilige Geschichte ihren Anfang genommen hatte: Meinungs-, Kunst- und Religionsfreiheit nehmen im westlichen Wertesystem eine privilegierte Stellung ein, ebenso aber auch die Verantwortung des Einzelnen und das Toleranzgebot.

Das bedeutet, Meinungsfreiheit erlaubt sehr, sehr viel. Meinungsfreiheit kennt aber auch ihre Grenzen - wenn sie beleidigt oder entwürdigt. Zweite Ableitung: Im Zusammenspiel der Freiheiten trägt der Einzelne eine hohe Verantwortung. Der Staat gibt die Freiheiten. Für ihren Missbrauch ist er nicht verantwortlich. Den bestraft er mit den Mitteln des Rechtsstaates.

Das sind zwar keine schwierigen Grundsätze, sie sind aber einem aufgewiegelten Mob nicht beizubringen. Dieser Mob stürmt nun gegen die Symbole des Westens, er ermordet US-Diplomaten in Libyen und brandschatzt die deutsche Botschaft in Sudan. Und deswegen haben die Feinde der Freiheit einen Sieg errungen: die Provokateure, die den Mohammed-Film zum schieren Zweck der Beleidigung gedreht haben, genauso wie die Strippenzieher hinter den aufgepeitschten Massen, die den Mördern Deckung bieten. Nichts entschuldigt oder rechtfertigt ihre Gewalt, aber ebenso gilt: Nichts entschuldigt die Provokation. Wer beides verrechnet, teilt die Mathematik der Ideologen.

Wie umgehen mit dem Mob?

Wer nun angesichts der Gewalt das Ende der arabischen Freiheitsbewegung ausruft, der begeht gleich mehrere Fehler. Erstens gibt es einen Unterschied zwischen den Tahrir-Demonstranten der ersten Stunde und den Salafisten in Kairo oder den Brandschatzern in Khartum. Zweitens muss es sich nicht um eine Mehrheit handeln, nur weil sie besonders laut schreit. Und drittens ist es skurril, nun den alten Potentaten hinterherzutrauern. Hosni Mubarak und Co. hatten ihre Konten längst überzogen. So wenig wie die USA den Ägypter an der Macht hätten halten können, so wenig wird sich Baschar al-Assad in Russlands Schoß auf Dauer geborgen fühlen.

Wie also umgehen mit dem gewalttätigen Mob? Blindwütige Reaktionen werden die Krise nur weiter anfachen, Drohnen und Kriegsschiffe können hier nur ganz wenig ausrichten. Ein bisschen Muskelspiel der Supermacht? Das sind lächerliche Kraftmeiereien.

Aber in Kairo, in Tunis, in Bengasi sitzen Volksvertreter, Anführer von Clans, neu gewählte Regierungen, Empfänger von West-Geldern in Milliardenhöhe. Besonders die Muslimbrüder in Ägypten und ihr Präsident Mohammed Mursi müssen verstehen, dass nun der Moment der Entscheidung gekommen ist. Sie müssen klarmachen, auf welcher Seite sie stehen. Mursi hat das zunächst nicht getan, seine Muslimbrüder haben zu Massendemonstrationen aufgerufen, ehe sie verstohlen wieder zurückruderten. Die Geister, die man rief - so nährt man sie nur.