Gentechnik Erstmals Eingriffe ins menschliche Erbgut erlaubt

Britische Forscher sprechen von einem "Triumph des Menschenverstandes": Ihr Land genehmigt erstmals Genveränderungen an Embryos. Deutsche Experten sind weniger euphorisch.

Von Kathrin Zinkant

Zum ersten Mal werden Forscher in das Erbgut von gesunden menschlichen Embryonen eingreifen und es gezielt verändern. Wie das Francis Crick Institute am Montag in London bekannt gab, hat eine Wissenschaftlerin des Instituts die erste Erlaubnis dieser Art von den britischen Behörden erhalten. Die Embryologin Kathy Niakan will in wenigen Wochen mit den Experimenten an überzähligen Embryos aus künstlichen Befruchtungen beginnen. Bislang durften solche Embryos im Königreich für die Forschung genutzt, aber nicht genetisch verändert werden.

Niakan erhofft sich aus ihren Versuchen neue Erkenntnisse über die Entwicklung menschlichen Lebens. Britische Experten reagierten am Montag euphorisch auf das Votum der Behörde für künstliche Befruchtung und Embryologie HFEA. "Diese Entscheidung wird die weltweit führende Position Großbritanniens in der Forschung festigen", sagte Rob Buckle, Leiter des Forschungsprogramms der britischen Regierung. Der Genetiker Darren Griffin von der Universität in Kent bezeichnete den Schritt als "Triumph des Menschenverstandes".

Zur Geburt eines genetisch veränderten Menschen wird es infolge der Experimente nicht kommen. Die Versuche der britischen Forscherin nehmen den Embryonen wahrscheinlich ihre Lebensfähigkeit. Die britischen Gesetze verlangen zudem, für die Forschung genutzte Embryos nach zwei Wochen zu zerstören. Sie dürfen auch nicht in eine Gebärmutter eingepflanzt werden. Dennoch ist die Erlaubnis solcher Versuche ein Einschnitt. Bislang war der aktive Eingriff ins menschliche Erbgut ethisch tabu und technisch unzuverlässig. Erst seit drei Jahren existiert eine neue Methode, die das "Editieren" von Genen vereinfacht. Das sogenannte Genome Editing ist billig, einfach und erlaubt hochpräzise Veränderungen der Erbsubstanz. Die Zahl möglicher Anwendungen ist gewaltig - und schließt die Korrektur oder Veränderung von menschlichen Genen ein.

Genau das bereitet Wissenschaftlern schon länger Sorge. Manipulationen in Eizellen, Samenzellen oder in Embryos kurz nach der Befruchtung ändern das Genom sämtlicher Nachkommen. Es wäre ein Eingriff in die Evolution der menschlichen Spezies. Eine Gruppe hochrangiger Wissenschaftler hatte deshalb im März 2015 ein Moratorium für das Genome Editing an menschlichen Embryos gefordert - auch in der Forschung. Die nachfolgende Debatte in Fachkreisen allerdings führte zu einem Sinneswandel. Auf einem Gipfel in Washington einigte man sich im Dezember zwar auf ein Moratorium. Es schließt die Forschung jedoch nicht mit ein.

Während die britische Wissenschaft den Schritt klar befürwortet, stehen Experten aus Deutschland den geplanten Versuchen kritisch gegenüber. "Ich lehne das Genome Editing von menschlichen Embryos derzeit vollständig ab", sagte Hans Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin am Montag in Münster. In Deutschland sind Experimente an menschlichen Embryonen nach wie vor strafbar. Doch gilt das entsprechende Gesetz als veraltet.